Während die Kammerjungfer dem groben Befehl Folge leistete, setzte sich Johanna an einen Tisch und ließ den Kopf auf die Hand niedersinken. In dieser Stellung verharrte sie einige Augenblicke: sie gedachte, wie man ihrer gespottet hatte. Dann stand sie auf, schritt hastig mit heftigen Gebärden im Zimmer auf und ab. Endlich sprach sie mit gedämpfter Stimme:

„Wie! Ein kleines erbärmliches Volk sollte mich, die Königin der Franzosen, verhöhnen dürfen? Ein trotziges Mädchen wagt es, meinen Blick zu erwidern? Das ist Hohn!“ Tränen des Zornes rollten über ihre glutroten Wangen.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück und lachte tückisch wie ein böser Geist. Dann fuhr sie fort:

„Wartet nur, ihr aufgeblasenen Vlaemen, ihr kennt Johanna von Navarra noch schlecht; ihr wißt nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann. Ruht und schlaft nur ohne Bangen in eurer Vermessenheit; ich weiß euch zu foltern! Tränen sollt ihr vergießen, schmerzhaft sollt ihr meine Hand fühlen! Ja, ihr sollt meine Macht kennen lernen! Kriechen sollst du und winseln, vermessenes Volk! Und ich werde euerm Flehen taub sein. Mit Wonne werde ich eure stolzen Häupter mit Füßen treten. Vergebens sollt ihr weinen und jammern, Johanna von Navarra ist unerbittlich – das wißt ihr noch nicht.“

Jetzt vernahm sie die Schritte der Kammerjungfer im Vorzimmer. Aufgeregt eilte die Fürstin zum Spiegel und änderte ihre ganze Haltung; sie glättete ihre Züge, alle Erregung schien geschwunden. In der Kunst der Verstellung, der größten Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra Meisterin.

Alsbald trat Châtillon in das Zimmer und beugte ein Knie vor der Königin.

„Herr von Châtillon,“ sprach sie, und hob ihn mit der Hand empor, „Ihr scheint auf meine Wünsche nicht viel Wert zu legen. Habe ich Euch nicht vor zehn Uhr hierher beschieden?“

„Es ist wahr, Madame, aber der König, mein Herr, hielt mich wider meinen Willen zurück. Seid versichert, durchlauchtigste Nichte, daß ich auf glühenden Kohlen gestanden habe; ich brannte, Eurem königlichen Befehl Folge zu leisten.“

„Eure Ergebenheit freut mich; ich beabsichtige auch, Euch heute für Eure treuen Dienste zu belohnen.“

„Gnädige Fürstin, es ist schon eine hohe Gnade für mich, Eurer Majestät folgen und dienen zu dürfen. Laßt mich Euch überall begleiten. Ein anderer Untertan mag höheren Ämtern nachjagen; für mich ist Eure huldreiche Gegenwart das größte Glück; weiter verlange ich nichts.“