Der Weberpand war ein geräumiges Gebäude mit rundem Giebel. Durch ein einziges großes Fenster mit dem Wappen der Zunft darüber fiel das Licht in das erste Stockwerk der Vorderseite. Über dem großen Tore ragte kunstvoll in Stein gehauen St. Georg mit dem Drachen. Im übrigen war der Giebel dieses Versammlungshauses unbedeutend und ohne Zierat. Nach seinem Äußern hätte man schwerlich erraten können, daß die reichste Zunft in Flandern hier ihre Zusammenkünfte hielt; denn viele Häuser in der Nachbarschaft übertrafen es an Größe und Pracht. War es auch in zahlreiche größere und kleinere Räume geteilt, so blieb doch keiner leer oder unbenutzt. In einer geräumigen Kammer des zweiten Stockwerks waren die Probestücke der Freigesellen und Meister mit den Mustern vom kostbarsten Tuch oder Stoff aufgehängt, der je in Brügge gefertigt worden war. In einem anderen Gemach daneben waren all die Werkzeuge aufgestellt, die von den Webern, Tuchwalkern und Färbern gebraucht werden. Ein drittes Gemach diente zur Aufbewahrung der Prachtgewänder und Festwaffen der Zunft.

Der große Versammlungssaal der Meister lag vorn an der Straße. Alle Wandlungen der Wolle auf dem Wege vom Schafhirten bis zum Weber, vom Färber bis zu dem fremden Kaufmann, der aus fernen Landen kam, um vlaemisches Tuch gegen Gold zu erhandeln, waren auf den Wänden dargestellt. Einige eichene Tische und viele schwere Sessel standen auf den Quadersteinen des Fußbodens. Sechs mit Sammet ausgeschlagene Lehnstühle bezeichneten die Plätze des Obmannes und der Altmeister im Hintergrund des Gemaches.

In kurzer Zeit waren die Weber bereits zahlreich in dem Saale versammelt. Leidenschaftlich besprachen sie die wichtige Frage, und die größte Unzufriedenheit leuchtete aus ihren Zügen. Die meisten ergingen sich in bitteren Worten über den Magistrat, doch einige schienen nicht sehr zum Widerstand geneigt. Während die Versammlung ständig wuchs, kam De Coninck in den Saal und schritt langsam durch seine Genossen auf den für ihn bestimmten großen Sessel zu. Die Altmeister setzten sich neben ihn; die übrigen blieben zumeist bei ihren Lehnstühlen stehen, um auf der gefurchten Stirn ihres Vorstehers den Sinn seiner Worte besser lesen zu können. Zusammen waren es ihrer sechzig.

Sobald De Coninck die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf sich gerichtet sah, sprach er ausdrucksvoll und anschaulich:

„Meine Brüder! Achtet auf meine Worte: denn die Feinde unserer Freiheit, unserer Wohlfahrt wollen uns aufs neue in Banden schlagen! Der Magistrat und die Leliaerts haben dem fremden Gebieter mit ungewohnter Pracht geschmeichelt, sie haben uns zur Errichtung von Prunkgerüsten gezwungen, und nun verlangen sie, daß wir ihre dummen Verschwendungen mit dem Lohn unserer Arbeit bezahlen! Das widerspricht den Vorrechten der Stadt und der Zunft. Meine Brüder, versteht mich wohl und richtet mit mir einen Blick auf die Zukunft! Wenn wir dieses Mal dem willkürlichen Gebot Gehorsam leisten, wird unsere Freiheit bald niedergetreten sein. Dies ist der erste Versuch, das erste Stück des Sklavenjochs, das man unserm Nacken aufbürden will. Die treulosen Leliaerts, die es dulden, daß ihr Graf, unser rechtmäßiger Herr, bei dem Fremden im Kerker schmachtet, um uns desto ungestörter unterdrücken zu können, – sie haben sich lange vom Schweiß unseres Angesichts gemästet. Lange hat das Volk wie ein verächtliches Lasttier für sie die schwerste Arbeit getan und sich abgequält; Euch, Brügger! Kameraden! euch ward zuerst des Himmels Licht zuteil; ihr habt die Ketten zuerst gebrochen; groß und männlich habt ihr euch aus der Knechtschaft erhoben und eure Häupter beugen sich nicht mehr vor Zwingherrn. Nun beneiden uns die Völker ob unseres blühenden Wohlstands; sie bewundern unsre Größe. Ist es denn nicht unsere Pflicht, ungeschmälert die Freiheit zu bewahren, die uns zum edelsten Volke der Welt macht? Ja, eine heilige Pflicht! Wer sie vergißt, ist ein Feigling, der seine Menschenwürde verkennt: ein Sklave nur, der zur Verachtung geboren ward.“

Brakels, ein Weber, der schon zweimal Obmann gewesen war, erhob sich von seinem Sessel und unterbrach De Conincks Rede:

„Ihr sprecht immer von Knechtschaft und Rechten! Aber wer sagt denn, daß der Magistrat uns schmälern will? Ist es nicht besser, die acht Grooten zu zahlen und Ruhe zu halten? Ihr könnt Euch doch denken, daß es zum Blutvergießen kommen wird. Gar mancher von uns wird die Leichen seiner Kinder und Brüder begraben müssen – und all das wegen acht Grooten! Hörte man auf Euch, so hätten die Weber mehr mit dem Goedendag als mit dem Weberschiff zu schaffen; aber ich hoffe, daß es unter unseren Meistern noch mehr gescheite Leute gibt, die Eurem Rat nicht folgen.“

Diese Worte riefen unter den Webern die größte Bestürzung hervor. Einige, doch nur ganz wenige, hatten durch ihre Gebärden zu erkennen gegeben, daß sie diese Ansicht teilten. Die meisten waren mit Brakels Rede unzufrieden.

Mit forschendem Auge hatte De Coninck alle scharf beobachtet und seine Anhänger gezählt. Es schmeichelte ihn, daß nur wenige die Besorgnisse seines Gegners teilten. So antwortete er: