„Es steht ausdrücklich im Gesetz, daß man dem Volk ohne seine Zustimmung keine neuen Lasten aufbürden darf. Wir bezahlen diese Freiheit nur allzu teuer, und niemand, selbst der Höchste nicht, darf sie antasten. Für einen Menschen, der nicht weiter in die Zukunft blickt, machen freilich acht Grooten einmal bezahlt nicht viel aus; aber es sind ja auch nicht die acht Grooten, die mich zum Widerstande reizen; sollen wir etwa die Vorrechte, unsere Schutzwehr gegen die Herrschsucht der Leliaerts zerstören lassen? Nein, das wäre feig und höchst unvorsichtig. Wißt, meine Brüder, die Freiheit ist ein zarter Baum, bricht man einen seiner Zweige ab, so vergeht er und stirbt. Duldet ihr, daß die Leliaerts den Baum derart beschneiden, so werden sie uns bald die Kraft rauben, den verdorrten Stamm zu verteidigen. Wer ein Männerherz hat, darf die acht Grooten nicht bezahlen! Wer das echte Klauwaarts-Blut in sich strömen fühlt, der ergreife den Goedendag und verteidige die Rechte des Volkes! Die Abstimmung mag hierüber entscheiden, denn mein Rat ist kein Befehl.“

Nun ergriff der Weber, der bereits gesprochen hatte, wieder das Wort:

„Ihr gebt uns einen verderblichen Rat. Ihr freut Euch an Aufruhr und Blutvergießen, damit Ihr überall als Anführer genannt werdet; wäre es nicht viel weiser, uns der französischen Herrschaft als getreue Untertanen zu unterwerfen und dadurch unseren Handel auf dieses große Land auszudehnen? Ja, ich behaupte: die Regierung Philipps des Schönen wird unseren Wohlstand vermehren, und jeder wohldenkende Bürger muß die französische Herrschaft als ein Glück betrachten. Unser Magistrat besteht aus achtbaren, weisen Herren.“

Alle Weber waren höchst verdutzt und viele warfen finstere, verächtliche Blicke auf den Mann, der solch feige Worte gesprochen hatte. De Coninck flammte zornig auf. Seine Volksliebe kannte keine Grenzen; daß ein Weber so reden konnte, schien ihm die ganze Zunft zu entehren.

„Wehe!“ rief er, „ist denn alle Liebe zur Freiheit und zu eurem Vaterland in eurer Brust erstorben? Wollt ihr aus Geldgier denen die Hände küssen, die euch in Ketten schlagen? Sollen unsere Nachkommen sagen, die Brügger hätten ihr Haupt vor einem Fremden und vor dessen Sklaven gebeugt? Nein, Brüder, duldet das nicht, besudelt euren Namen nicht mit solcher Schmach! Laßt die feigen Leliaerts immerhin um der Ruhe und des Geldes willen ihre Freiheit dem Ausländer verpfänden. Wir bleiben frei von Schande und Schmach! Mögen die Kinder des freien Brügge nochmals ihr Blut für das Recht dahingeben. Um so herrlicher prangt die purpurne Standarte, um so fester wird des Volkes Recht besiegelt!“

Meister Brakels ließ De Coninck nicht fortfahren:

„Was Ihr auch sagen mögt, ich wiederhole, es ist keine Schande für uns, einem fremden Fürsten zu unterstehen; im Gegenteil sollten wir uns freuen, daß wir nunmehr dem großen Frankreich zugehören. Was kümmert es ein handeltreibend Volk darum, unter wem es seinen Reichtum mehrt? Mohammeds Gold ist so gut wie das unserige.“

Die Erbitterung gegen Brakels erreichte jetzt den Höhepunkt; niemand antwortete. De Coninck seufzte laut und schmerzlich: „O welche Schande! ein Leliaert, ein Bastard hat in der Versammlung der Weber gesprochen; der Fleck ist nicht zu tilgen.“

Ungestümer Zorn packte die Schar der Weber; wutentbrannt, flammenden Auges blickten sie auf Meister Brakels. Und plötzlich ertönte hier und dort der Schrei: „Stoßt ihn aus, den Leliaert! Kein französisch Gesinnter soll unter uns sein!“