De Coninck mußte allen Einfluß aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen, denn manche waren drauf und dran, zu Gewalttaten zu schreiten. Es ward beantragt, daß man Meister Brakels von der Zunft ausschließen oder zu einer Buße von vierzig Pfund Wachs verurteilen sollte. Während der Schreiber mit der Abstimmung beschäftigt war, stand Brakels ganz ruhig vor dem Obmann. Er baute auf alle, die seine erste Rede gutgeheißen hatten. Aber er täuschte sich gewaltig; der Name Leliaert galt allen als Schandfleck, und deshalb blieb ihm kein einziger Freund. Alle Stimmzettel trugen das Urteil: Ausgestoßen, und diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt.

Nun flammte der Zorn des Leliaerts auf, und er erging sich in ungestümen Drohungen und Scheltworten gegen De Coninck. Der Obmann blieb mit der größten Ruhe in seinem Stuhl sitzen und antwortete nicht auf die Schmähungen seines Gegners. Zwei starke Gesellen, die als Türwärter angestellt waren, traten alsbald zu dem Ausgestoßenen und befahlen ihm, auf der Stelle die Versammlung zu verlassen. In bitterem Grimm gehorchte Brakels dem Geheiß und lief wutschnaubend zu Johannes van Gistel, dem Oberzöllner, den er von dem Widerstand des Obmanns der Weber in Kenntnis setzte.

De Coninck sprach noch lange mit seinen Genossen und ermutigte sie zur Verteidigung ihrer Rechte; doch verlangte er keinerlei Aufstand, sondern empfahl ihnen, einfach Zahlung der acht Grooten zu verweigern und zu warten, bis er sie zu den Waffen rufen würde. Hierauf trennten sie sich und gingen heim. De Coninck allein schritt tief nachdenklich durch die alte Sackstraße, um sich zu seinem Freunde Breydel zu begeben. Er sah voraus, welche Anstrengungen die Lehensherren machen würden, um ihre Herrschaft über das Volk wiederzugewinnen, und bedachte, wie er seine Brüder vor der Knechtschaft bewahren könnte. Als er fast die Fleischerstraße erreicht hatte, wurde er von etwa zehn Bewaffneten umringt. Angesichts dieses Überfalls blieb er stehen, der Vogt trat an ihn heran und befahl ihm, ohne Widerstand den Dienern des Gesetzes zu folgen. Wie einem Missetäter wurden ihm die Hände auf den Rücken gebunden; man überhäufte ihn mit Schmähungen; aber er trug das alles mit der größten Geduld und ohne Murren; denn er begriff, daß jeder Widerstand hier nutzlos war. Er ließ sich von den mit Streitäxten bewaffneten Gerichtsdienern durch drei bis vier Straßen führen und schien gar nicht auf die Ausrufe des verwunderten Volkes zu achten. Endlich brachte man ihn in den oberen Saal des Prinzenhofs.

Hier waren die vornehmsten Leliaerts und der Magistrat versammelt. Der Oberzöllner Johannes van Gistel nahm unter ihnen den höchsten Rang ein; er war auch in ganz Flandern der wärmste Freund der Franzosen. Sobald er De Coninck vor sich sah, sprach er erzürnt:

„Wie wagt Ihr es, die Oberhoheit des Magistrats zu mißachten, hochfahrender Bürger? Eure Auflehnung ist uns bekannt, und in Bälde werdet Ihr Euren Ungehorsam am Galgen büßen.“

De Coninck antwortete ruhig:

„Mir ist die Freiheit des Volkes teurer als das Leben. Auch die schändlichste Todesstrafe werde ich furchtlos erleiden, denn mit mir stirbt das Volk doch nicht; es gibt noch Männer genug, die das Joch nicht mehr gewohnt sind.“

„Das ist ein Traum,“ fuhr Gistel fort, „das Reich des Volkes hat ein Ende. Unter der Herrschaft der Franzosen muß ein Untertan seinem Herrn gehorchen. Die Vorrechte, die ihr schwachen Fürsten abgetrotzt habt, sollen überprüft und eingeschränkt werden; denn ihr werdet gar zu hochmütig durch die Gunst, die wir selbst euch bewiesen haben, und erhebt euch wider uns wie undankbare, verächtliche Diener.“

Ein Zornesblitz schoß aus De Conincks Auge. „Verächtlich!“ rief er, „das weiß Gott, wer von beiden verächtlich ist, das Volk oder die entarteten Leliaerts. Ihr vergeßt Vaterland und Ehre, um feige dem fremden Gebieter zu schmeicheln; demütig kniet ihr vor einem Fürsten, der Flandern den Untergang geschworen hat; und warum? Um eure tyrannische Zwingherrschaft über das Volk wiederzuerlangen, aus Habsucht! Wartet nur! das glückt euch nicht. Denn wer die Früchte der Freiheit einmal gekostet hat, dankt für eure Gunst. Ihr seid ja doch Sklaven der Ausländer! Glaubt ihr etwa, daß die Brügger die Sklaven anderer Sklaven werden sollen? O, ihr täuscht euch, ihr Herren. Mein Vaterland ist groß geworden, das Volk hat seine Würde erkannt, und euch ist das eiserne Zepter für ewig entrissen.“

„Schweigt! Ihr Aufrührer,“ rief Gistel, „die Freiheit steht Euch nicht zu. Ihr seid nicht für sie geschaffen.“