[X.]

Da sich die Stadt Brügge jetzt ganz in der Macht der Franzosen befand, so begann Châtillon, ernstlich an die Erfüllung der Wünsche der Königin zu denken. Sie hatte ihn angewiesen, die junge Machteld van Bethune nach Frankreich zu schleppen. Daran schien ihn nichts zu hindern, weil seine Kriegsknechte die Stadt besetzt hielten. Aber Gründe der Klugheit hielten ihn vorerst davon zurück. Vor allem wollte er seine Macht in Brügge befestigen, die Zünfte knechten, ein Kastell bauen[26]. Dann erst gedachte er, die Tochter des Löwen von Flandern gefangenzunehmen und der Königin auszuliefern.

Adolf van Nieuwland war beim Einzug der Franzosen um Machteld höchlichst besorgt gewesen, da er sie jetzt schutzlos den Feinden preisgegeben glaubte. De Conincks tägliche Besuche und seine ununterbrochene Wachsamkeit vermochten ihn anfangs nicht zu beruhigen, und erst als die Franzosen mehrere Wochen hindurch nichts Feindseliges unternommen hatten, begann er anzunehmen, daß sie das Edelfräulein van Bethune vergessen hatten und ihr kein Leid antun würden. Sein kräftiger Körper und die sorgfältige Behandlung Meister Rogaerts hatten seine Wunden zur Heilung gebracht; er bekam wieder Leben und Farbe, aber eine tiefe Traurigkeit lag noch auf seinem Antlitz. Der unglückliche Ritter sah die Tochter seines Fürsten und Wohltäters täglich bleicher werden, von trüben Gedanken gepeinigt siechte Machteld matt und krank dahin, wie eine welkende Blume. Und er, der ihrer aufopfernden Pflege das Leben verdankte, konnte ihr nicht helfen, sie nicht trösten. Waren auch seine Worte noch so freundlich, sie vermochten nichts bei dem gebeugten Mägdelein, das beständig um den Vater seufzte und weinte. Noch keine Kunde hatte sie bisher von ihm erhalten, und sie sah sich für immer von ihrer teuren Familie getrennt. Adolf suchte ihren Gram zu verscheuchen; er dichtete Verse und Lieder für sie, spielte auf der Harfe oder besang Robrechts Heldentaten; aber das alles beeinflußte die Stimmung des Mädchens nicht, ihre düsteren Gedanken waren durch nichts zu bannen. Sie war sanft, freundlich und dankbar, doch ohne Leben, ohne Empfindung oder irgendeine Neigung; selbst ihr Falke trauerte einsam und vergessen.

Wenige Wochen nach seiner völligen Genesung wagte sich Adolf langsamen Schrittes aus der Stadt und wandelte sinnend bei Sevecote[27] durch die Felder. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und der Westen flammte in leuchtenden Farben. Gesenkten Hauptes, von bitteren Gedanken erfüllt schritt Adolf weiter, ohne auf den Weg zu achten. Eine Träne des Schmerzes feuchtete sein Auge, und zuweilen hob ein Seufzer seine Brust. Tausenderlei Mittel bedachte er, um das Los der jungen Machteld erträglicher zu gestalten, doch seine Verzweiflung nahm nur zu, denn er fand keinen Trost für sie. Er sah sie täglich weinen, immer mehr dahinsiechen, ohne daß man ihr raten, helfen konnte. Für einen mutigen Ritter wie er, war das Gefühl solcher Ohnmacht peinigend, und bisweilen knirschte er erbittert mit den Zähnen – aber was nützt das? Nur eines blieb ihm: Tränen des Schmerzes zu weinen und von besseren Tagen zu träumen.

Schon weit ab von der Stadt setzte er sich, voll trüber Gedanken, am Rande des Weges nieder. Er starrte zu Boden und hing seinen traurigen Vorstellungen nach. Während er also schweren Herzens dasaß, kam ein Mann des Weges. Er trug eine baumwollene Mönchskutte, daran eine weite Kapuze die bis zum Rücken niederhing; ein Greisenbart wallte auf seine Brust herab, und starke Wimpern überschatteten die schwarzen Augen; seine hohlen Wangen waren gebräunt und die Stirn voll tiefer Falten.

Langsamen Schrittes, wie ein müder Reisender, nahte der Mönch mählich dem Platze, wo sich Adolf niedergelassen hatte, und blieb plötzlich vor ihm stehen. Freudige Überraschung belebte seine Züge; offenbar war ihm Adolf wohlbekannt. Aber sein Gesicht wurde gleich wieder ernst und kalt, als wollte er sich verstellen.

Adolf merkte erst jetzt die Anwesenheit des Mönches. Er stand auf und begrüßte ihn mit höflichen Worten.

„Mein Herr,“ erwiderte der Mönch, „ich bin von einer weiten Reise ermüdet, Euer Sitz lockt auch mich zu ruhen. Bitte, laßt Euch durch mich nicht stören.“

Er ließ sich auf den Rasen nieder und winkte Adolf, ihm nachzutun. Der nahm voll Ehrfurcht, doch gern seinen vorigen Platz wieder ein und setzte sich neben den Fremdling. Freilich erregte dessen Stimme seine Aufmerksamkeit: es schien ihm, als hätte er sie schon öfters gehört. Doch er schlug sich diesen Gedanken aus dem Sinne, weil er sich nicht erinnern konnte, wo er diesen Priester gesehen hätte.

Der Mönch schaute den jungen Ritter eine Weile durchdringend an; dann fragte er: