Auf diese Zusicherung hin wurde das Fallgatter aufgezogen, die Brücke niedergelassen, und zwei Bürger verließen die Stadt: De Coninck und der Herold der Zünfte. Als sie ins französische Lager kamen, wurden sie in das Zelt des Feldherrn Châtillon geführt. De Coninck nahte sich mit kühner Miene dem Landvogt und sprach:
„Herr von Châtillon, die Bürger von Brügge lassen Euch durch mich, ihren Gesandten, verkünden, daß sie nicht nutzlos Menschenblut vergießen wollen und deshalb beschlossen haben, Euch die Stadt zu überliefern; da aber nur dies edle Gefühl sie zur Unterwerfung drängt, lassen sie Euch folgenden Vertrag anbieten: Daß die Kosten des königlichen Einzugs nicht durch eine neue Belastung des dritten Standes beschafft werden, daß der Magistrat abgesetzt und keine Untersuchung der Gründe des Aufruhrs angestellt wird. Wollet mir nun sagen, ob Ihr auf diese Bedingungen eingeht!“
Die Züge des Landvogts verfinsterten sich.
„Was bedeutet diese Sprache,“ rief er, „wie wagt Ihr es, mir Bedingungen zu stellen, da ich nur meine Sturmwerkzeuge vorzubringen brauche, um eure Mauern in Trümmer zu verwandeln?“
„Das mag sein,“ erwiderte De Coninck, „aber ich sage es Euch und wäge meine Worte wohl: ehe ein Franzose unsere Wälle besteigt, sollen die Gräben unserer Stadt mit den Leichen Eurer Leute gefüllt werden. Es fehlt uns keineswegs an Kriegsgerät, und die Geschichte bezeugt, daß die Brügger für ihre Freiheit zu sterben wissen.“
„Ja, ich weiß, daß ihr euch immer durch eure Starrköpfigkeit ausgezeichnet habt; aber die kümmert mich wenig, denn der Mut der Franzosen kennt keine Hindernisse. Ich will die Stadt auf Gnade oder Ungnade haben, das ist meine Antwort.“
Châtillon war beim Anblick der vielen Zunftleute und ihrer trotzigen Haltung auf den Wällen im Hinblick auf die bevorstehende Schlacht von banger Sorge erfüllt worden. Aus Vorsicht war ihm die Übergabe der Stadt erwünscht. Er kannte die Unerschrockenheit der Brügger, und er war daher sehr froh, als die Ankunft De Conincks seinen Wunsch zu künden schien; aber die vorgeschlagenen Bedingungen gingen ihm wider den Strich. Dennoch würde er sie vielleicht zugestanden haben mit dem Hintergedanken, ihrer Erfüllung sich später irgendwie zu entziehen; aber er mißtraute dem Obmann der Weber und zweifelte an der Aufrichtigkeit seiner Worte. Um festzustellen, ob sich die Brügger wirklich bis zum Äußersten verteidigen wollten, gab er mit lauter Stimme den Befehl, die Sturmwerkzeuge in Tätigkeit zu setzen.
Während der Verhandlung hatte De Coninck unverwandt die Züge des Feldherrn beobachtet und Unentschlossenheit und Verstellung darin gelesen. So gewann er die Überzeugung, daß Châtillon einen Kampf nicht wünschte. Er bestand daher auf seinen Vorschlägen ungeachtet der Anstalten, die schon für den Sturmlauf getroffen wurden. Die kalte Standhaftigkeit De Conincks täuschte den französischen Feldherrn. Er glaubte nun sicher, daß die Brügger ihn nicht fürchteten und ihre Stadt hartnäckig verteidigen würden; und weil er nicht sein ganzes Heer samt Flandern um dieses einzigen Handels willen aufs Spiel setzen wollte, so begann er, mit De Coninck über die Bedingungen der Übergabe zu unterhandeln. Nach langem Hin- und Herreden einigten sie sich endlich dahin, daß der Magistrat im Amte bleiben solle; die übrigen Punkte wurden den Brüggern zugestanden. Der Landvogt machte seinerseits zur Bedingung, daß er beliebig viel Soldaten in die Stadt legen könne.
Als der Siegelbrief von beiden aufgesetzt und unterzeichnet war, kehrte De Coninck mit dem Herold der Weber zur Stadt zurück. Die Bedingungen wurden in allen Straßen verkündet. Eine halbe Stunde später hielt das französische Heer mit Posaunenschall und fliegenden Bannern siegprunkenden Einzug; die Zunftleute dagegen zogen sich voll Schmerz und Kummer in ihre Wohnungen zurück. Nun kam auch der Magistrat mit den Leliaerts aus der Burg hervor, und scheinbare Ruhe breitete sich über die Stadt.