„Bitte, Vater,“ rief Adolf flehentlich, „bitte, zweifelt weder an meiner Treue noch an meinem Mute. Sprecht rasch, Euer Schweigen drückt mich …“

„So hört denn aufmerksam zu. Ich bin dem Hause Gwijde von Flandern ob mancher Wohltat die größte Dankbarkeit schuldig; Liebe und Erkenntlichkeit, wie ich sie stets für meinen gnädigen Fürsten hegte, trieben mich an, ihm in seiner Bedrängnis beizustehen. Mit diesem Vorsatz verließ ich mein Kloster und zog nach Frankreich. Dort ermöglichten mir Bitten, Geld und mein geistlicher Stand, zu all den edlen Gefangenen Zutritt zu erlangen, und so überbrachte ich dem Vater die Worte des Sohnes, dem Sohne den Segen des Vaters. Im Kerker des Louvre habe ich mit der armen Philippa geseufzt und geweint. Derart habe ich ihre Pein gelindert, ihre Einsamkeit für kurze Zeit unterbrochen. Ganze Nächte hindurch bin ich gereist; oft wurde ich verjagt, geschmäht und verhöhnt. Aber des achtete ich nicht, angesichts des Glückes, meinem rechtmäßigen Fürsten in seiner Bedrängnis dienen zu können. Die Tränen der Dankbarkeit, die bei meinem Kommen flossen, waren mir ein Lohn, den alle Güter der Welt nicht aufwiegen können.“

„Seid gesegnet, edelmütiger Priester,“ rief Adolf, „der Himmel wird es Euch lohnen; aber sagt mir, ich bitte Euch, wie geht es Herrn van Bethune?“

„Er sitzt in einem Turme zu Bourges, im Lande Berry. Sein Los ist nicht zu schlimm, denn er ist von Banden und Ketten frei. Sein Gefangenenwärter ist ein alter Soldat, der im sizilischen Kriege mannhaft unter dem Banner des schwarzen Löwen gefochten hat. So ist er eher Herrn Robrechts Freund als sein Wächter.“

Adolf lauschte mit größter Aufmerksamkeit; mitunter wollte er seine Freude in Worten künden, doch er hielt an sich. Der Mönch fuhr fort:

„Seine Gefangenschaft würde ihn weniger hart bedünken, wenn ihn nicht sein Herz von hinnen zöge; er ist Vater und trübe Ahnungen quälen sein Herz. Seine Tochter ist in Flandern geblieben, und er fürchtet, die tückische, grausame Königin von Navarra wird auch dieses Kind verfolgen und schwere Leiden über sie verhängen. Dieser schmerzliche Gedanke foltert den zärtlichen Vater, und sein Kerker wird ihm unerträglich; bitterste Verzweiflung durchtobt sein Herz, und jeder Tag seines Lebens gleicht den Qualen einer verdammten Seele. Überlegt Euch nun, ob Ihr wirklich entschlossen seid, Euer Leben für den Löwen, Euren Herrn, zu wagen. Der Kastellan von Bourges will ihn gegen Ehrenwort für einige Zeit in Freiheit setzen, falls ein treuer, opferbereiter Untertan sich aus Liebe zu ihm an seiner Statt einkerkern lassen will.“

Der junge Ritter warf sich vor dem Priester nieder und küßte ihm ehrfürchtig die Hand.

„O selig die Stunde!“ rief er, „da ich Machteld diesen Trost verschaffen kann. Sie soll ihren Vater sehen, o Gott! und ich soll diese heilige Sendung vollbringen? Wie pocht mein Herz so froh! Der glücklichste Mensch auf Erden sitzt zu Euren Füßen, ehrwürdiger Priester! Wißt Ihr, in welche Seligkeit, in welch reine Freude mich Eure Worte stürzen? Ja, dankbar will ich die Ketten wie einen kostbaren Schmuck entgegennehmen. Nichts soll mir über diese eisernen Fesseln gehen! O Machteld, Machteld! Könnten dir doch die Lüfte diese Freudenbotschaft künden.“

Der Mönch unterbrach die Begeisterung des Ritters nicht und stand auf; langsam schritt Adolf hinter ihm her, der Stadt zu.

„Mein Herr,“ begann jener schließlich, „Eure edlen Gefühle erfüllen mich mit berechtigter Bewunderung. Wohl zweifle ich nicht an Eurem Mute; aber habt Ihr auch bedacht, welchen Gefahren Ihr Euch aussetzt? Wenn die List entdeckt würde, müßtet Ihr Euer Opfer mit dem Leben büßen.“