Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen, Menschen zu ertragen.«

Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung gebracht habe.

»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. – Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte! er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern, worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener, in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein Vater ging jeden Abend – kaum machte der heilige Abend eine Ausnahme von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit – in diese Tabagie, ein Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe der Vater heimkehrte. –

Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle essen – sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. – Mir war diese Nachbarschaft unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es zog mein Herz hinab – ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan, wie Deinem Vater. – Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas benebelt heim – dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam werden. – Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara – so hieß ich in der Welt – nicht einem Weinwirth geben? fragte sie mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit. – Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. – Meiner armen Mutter mogte wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach, meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin. Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen. Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe, als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte. Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir – und der Wurf meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«

Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit, im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt: »o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.«

Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern, schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. – Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den Keller betten? – Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte. – Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war, und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine Lage eingewöhnen – hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als ob ich seine Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft: so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen würde – wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der Sprache – ich hoffte ohne Hoffnung –« die Nonne lächelte trübe: »die Liebe hilft auch einem Stummen aus.«

Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine, die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt sich oft am wenigsten sagen – der junge Herr kann auch aus Liebe geschwiegen haben.«

»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«

»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für diese.

Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen.