Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die dunkle Madonna auf – in diesem Wechselblicke lag eine Welt der Ahnung – und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier schlafen! –«
Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch erhalten könne.
»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam, wie über einen zerronnenen Traum.
»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört. Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse. – Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth Ernst, zehn Loth Geduld, zwanzig Loth Sanftmuth, und hundert fünf Loth Demuth, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser des Glaubens, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund Hoffnung dazu, schütte es in die Pfanne der Gerechtigkeit, und lasse es bei dem Feuer der christlichen Liebe gar kochen. Alsdann bewahre es wohl, damit der Schimmel der Eitelkeit nicht ansetze. Mit dieser Salbe streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die Hölle.«
Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«
»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte. Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist besser, denn alles Wissen –« und nach einem kleinen Besinnen antwortete sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt haben; doch – wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet, so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung erfüllt werde. – Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange sie Feuerschmerz aushalten könnten. – Warum sollte ich es ihnen nicht erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht.
»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt am Jesuiter-Collegio in B–. Sein einnehmendes Betragen, äußerst verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann – seine stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn. Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu verstehen, was sie so betrübe – späterhin ist mir die Quelle ihrer Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt gefallen –: dies war die erste Salbung zur Klosterfrau. – Meine Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend hübsch gewesen seyn.«
Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung, daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters ihrer Tochter erhelle.
»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten – wie er sie nannte – die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine Empfindung in meine Seele legte, als wäre die Liebe eines Mannes kein Glück, mindestens kein dauerndes Glück. Das Einkommen meines Vaters setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten mich kostbar, und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen den Besitz. – Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte. Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele Begraben. – Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei, hinsichtlich auf seinen Beruf.«
Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt, es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn, an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.«