Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein Vorgänger hatte lange darnieder gelegen – auf den versäumten Gütern lag mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister in Bühle, am besten sagen können – meinte er. Mein Vetter? fragte ich befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener, weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. – Dies gab mir ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai. Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit todten Augen in den flammenden Köcher – ich weilte einen Moment an dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff: es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! – Das große gothische Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major, in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens, worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. – Ich fragte höflich, ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte – es war Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.
»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend. Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien, mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich. Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! – Der Rentmeister lächelte – o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete: verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur Brüder. – Mein Blick sah ihn mit – Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so todesfremd! – Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse ich mich nimmer! – Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister. Er nahm es nicht auf, und nannte mich Sie. Ihr Vater, Herr Prälat, sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf. – Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde, es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur. Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen; doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.«
Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.«
»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um Gerechtigkeit willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden worden. Der Glaube an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und mein Elend geworden – ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer, ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von ihren Lippen: ob er nur selig werden wird? Die Lilien nickten. Ich sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur Frühlingsfreude der verjüngten Erde. –
Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte: seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den Vater – seinen Vater – darum zweifelt nun der Sohn an Gott! – So schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem wichtigen Geheimniß in meine Hände – dann drückte ich ihm die Augen zu. Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß, Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese – –« hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit einem Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! – Wie hat er uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. – Wir lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel – das war honett. Aber – Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz, den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese zugewehet haben mag? – allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.«
Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen, sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel. Mein Neffe – doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit zu den vielen Reden hernehmen?«
»Wir sprechen uns bald wieder –« vertröstete Herr Prälat, und griff nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen. Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann klar und leichter.
Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten – der klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld.
Schwerlich dürfte der glänzendste Thé dansant im schönsten Salon der Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder Küchel, wie Veronica sie nannte – legten einen unbewußten und geheimnißvollen Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.
Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann, die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen – daß ein verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen, hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. –