»Ja, die Juristen sind cordial!« fiel der Major ein, »aber die beste Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod Hauptmann ist, schließen sich die Glieder eng zusammen – und Gewalt geht vor Recht.«

»Ich fragte mein Mühmchen einst,« setzte Herr Prälat fort, »warum der Vetter denn nicht geheirathet hätte? – Das sey Gott zu danken – meinte Beatrix und lächelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Säculum seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich behandeln müssen, daß ihm ein Abschmack – Abscheu wollte sie vermuthlich sagen – vor dem Ehestand angekommen sey.«

»Taugt nichts,« unterbrach hier der Major seinen Freund, »mit einer Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Köche haben in der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prüfe sein Selbstwerk! – die Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.«

Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen, fuhr der Erzähler fort: »wirklich überzeugte ich mich, welche üble Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht hätte. Er nahm mich zuweilen mit nach Sanct Capella – die Aebtissinn vergünstigte es. Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verließen, der ganze versammelte Convent Kopf an Kopf gedrängt uns nachsah, mein Vetter noch einmal zurück grüßte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und sprach listig: gut für manchen wackern Mann, daß Ihr hier aufgehoben seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube es mir, Cölestin! ist eine wahre Büchse der Pandora. Sollten sich diese goldnen Thüren einmal öffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen würde da in die weite Welt herausstürzen! – Ich habe dieser Worte später gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tücke gegen die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Spötters in Glaubenssachen. Die Religiosität meines Vetters – er war Catholik – war der geheimnißvolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an die er in terriblen Augenblicken appellirte und: gerechter Gott! sein höchster Ausruf.

Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glücklich im Hause meines Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschäftsmann gab mir privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nöthig war. Er haßte alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich selbst. Ich äußerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wörtchen mit Bezug auf meine früheren Erfahrungen entschlüpfte mir. Er lächelte und sprach: Du mußt wissen, mein Söhnchen, daß diese Eigenschaft einen wesentlichen Unterschied zwischen den Facultäten bemerklich macht, und unsern Beruf gewissermaßen austauscht. Die Theologen sind in der Regel Richter, was sie nicht sollten; – wir dagegen vertreten nach Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fährlichkeiten des Nächsten. Sie lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten – wir gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der Entschuldigung abzusehen.«

»Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht!« rief der Major aus überzeugtem Drang des Herzens.

Der Administrator schwieg, als wäre diese Mittheilung nun abgebrochen, und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit verändertem Tone an: »ich studirte Cameralia – ging auf Reisen – welch eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines Lebens! – Ich hatte einen Freund – –« ein tiefer, schwerer Odemzug, wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wände.

Der Major besaß bei einer rauhen Außenseite den zartesten Sinn der Freundschaft. Er sagte: »falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie haben einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich nur mit Seufzern heben läßt. Taugt nichts, erschöpftes Vertrauen. Ich wünsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Täubchen! ist nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige Geist die schwächste Person dieser Trinität und eine wahre Vergebung der Sünden. Wie?« fuhr der Major abstrahirend fort: »ists nicht so? werden nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flüchtige Honneurs gemacht?«

Der Administrator lächelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender Tröster von den Verhältnissen des Himmelreichs vorspricht. Er antwortete: »ich habe meine Geschichte so weit angelegt, daß ich schwerlich damit an das Ziel gelange. – Meine hiesige Umstellung knüpfte sich an Fäden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute Beatrix war längst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte plötzliche Sterben in weicher Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Müden überrascht, war die schönste Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzählte, und des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen über. – Meine Lage als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaßen das Resultat der Ergebnisse meiner früheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschränkt auf die Hufe eines engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all meinen Kräften zu nützen wünschte. Meine Vorliebe für diesen Ort war sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andächtiger Mysterien, den lutherischen Jüngling in mittelalterliche Träume gewiegt! ich war nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlägt die große Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an, und wenn Fabia mit dem großen Schlüsselbunde durch den Kreuzgang geht, muß ich der Pförtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geläuts in ihrer Hand, welches, meinem Gefühl nach, den Chor seliger Geister in einem Himmel öffnete, den die Welt fälschlich für ein Grab der Lebendigen hielte. – Wie öde reformirt war nun das schöne Stift, wie profan geworden! – ich schützte mit Pietät, was noch aus dem Umsturz jener Verhältnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam an das heilige, das genommene Recht rührte, war desto eifriger, wo es den Ertrag der Grundstücke galt. Man sprach davon: es sey im Werke, das pompöse Gebäude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause, herabzuwürdigen; diese Möglichkeit empörte mich. Dann sollte es zu einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hieß es, eine chirurgische Pepiniére daraus machen. Ich kam den Behörden mit einer Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung, und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mühe, Plage und Schmerz webt in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. – Es wurde provisorisch zugestanden.«

Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerührten Blicke die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir dies danken.«