»Ich trat verdutzt« erzählte Herr Prälat weiter: »an das Lager meines Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht, nicht unähnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten heiligen Grabe nähert. Er lag wie ein Ecce homo darin. Seine Augen waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Höhle des Todes, seine Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein Vater wäre gestorben. Es war ein großes Begräbniß, ich ging unbetrübt hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal öffentlich aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war ein großer Zank; ich erinnre mich, daß meine Tante ein niederschlagendes Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam ein Arzt über die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige Präservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim besaß mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehörte gleichsam zu unserer Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer Hofhaltung verständlich zu machen. Es heißt gewiß ihrer Sorgfalt für mich den größten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen, Cölestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und weiß gefleckte Kuh, die vergessend ihrer Segnung, an mir vorüber schwenkte. Ein ägyptischer Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie eine wackere Christinn war, hätte es, glaube ich, gutgeheißen, wenn man den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt hätte. Standen wir an lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie ausgebrütet, ihre ersten Schwimmversuche machten – so sagte die Tante: das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! – Dann ward mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wünschte mich hinab in den dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte ich, ein Knabe noch! die geheimnißvolle Zärtlichkeit in einem Schwalbenneste! das Zwitschern des mütterlichen Vogels war mir wie der magische Laut einer Welt, aus der ich verstoßen wäre; das geringste Geschöpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben könnte von jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefühl schützender Liebe, wie die Natur sie lehrt, wurde zu einer Grundidee in mir, zu einem Princip, welches später meine Handlungen leitete.«

»Armer Freund!« sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er eine neue Cigarre abknirschte, »so hatte die Tante kein Herz für Sie?«

»Ein Herz wohl,« antwortete Jener, »aber nur für meinen Leib, nicht für meine Seele. Der äußere Bedarf galt ihr alles, wie das häufig bei Frauen dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt – und Narben werden Härten.«

»Nun, und der Oheim?« fragte der Major theilnehmend weiter.

»Mein Oheim,« erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, »war ein liebenswürdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die künstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln können, so daß er mit sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhänger Mesmers, und ging im Forschen der wunderreichen Kräfte, welche dieser Producent zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias für einen außerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze für Somnambulismus, die Jünger für Hülfsärzte pro Secundo – und jede That des Heils für eine Wirkung dieser mysteriösen Kraft. – Wohin verirrt sich oftmals ein reger, nicht genugsam beschäftigter Geist! Das Consistorium mogte schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt für ein Muster lutherischer Seelsorge und des unverfälschten Glaubens. Doch um die Göttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der Durst nach Wahrheit gab seinen Vorträgen eine Inbrunst, die sich seinen Zuhörern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er genoß, grenzte an Wundergläubigkeit und erstreckte sich weit über die Feldmarken seiner Diöcese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrüder. Nach seinem Tode fanden wir ganze Bündel Schmähschriften der benachbarten Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der Gehässigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau, die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu meiner Tante. Der Mann wartete draußen. Diese Leute scheueten den langen Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hören, wo sie ermüdet oftmals nur mit knapper Noth ein Plätzchen zum Sitzen fanden. So wären sie auch, erzählte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur Communion gegangen, und mein Oheim hätte die fremden Gäste am Tische des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwürfen empfangen, und hart bedroht, daß sie ihm den Beichtgroschen entzögen. Er wolle eine grobe Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten. Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr Pastor, (mein Oheim nämlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm fürder keinen Verdruß zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und gar, es muß ja nicht seyn.«

»Blitz! da schlage doch das Wetter drein!« rief der Major mit Indignation: »über die Pfaffen! die lutherischen auch – es ist all Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn, wie billig, nicht aus einer schnöden habsüchtigen Hand empfangen will! – Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer Kleinkrämerei von Nichtswürdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen! ich kann die Schwarzröcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen Hochmuth!«

Der Administrator lächelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit seitwärts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur bläulich schillerte, wie eine gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »solchergestalt ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von Haß, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die Widmut theilte anderer Seits mein Interesse für den geistlichen Beruf, und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie nützte. Wo blühet auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefärbten Glaubens? die Rose zu Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemüths, einsam und heilig. Den Haushalter über die Geheimnisse Gottes dachte sich meine scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. – Meine Meinung entschied sich für den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren Worten ich von frühester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element religiöser Poesie für jene natürliche Beschäftigung geworden. Die Bilder vom Sämann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird – von der Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene Schäflein unablässig sucht: faßte ich im Geiste der Natur. Diese fromme Weihe, wenn ich so sagen dürfte – mein christliches Gedächtniß bewahrte mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie findet, und welche ein wilder Sproß unveredelter Kraft ist. – Ein blöder Schüler der Welt, kannte ich nichts Süßeres, als frei wie der Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. – Mein Oheim starb – und mit diesen zwei Augen schloß sich der erste Act meiner Jugend.«

»Es ist mir lieb, daß sich das Blatt nun wenden wird, wie?« sagte der Major mit voraussetzender Frage und rauchte stärker: »die Erziehung in den Pfarrhäusern taugt nichts.«

Der Administrator hatte keinen Widerspruch für das Sprüchwort seines alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: »ich kam nun zu einem Verwandten mütterlicher Seite, der mein Vormund war: dem Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M–. wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm vertrocknet – er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf dem brüchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete, hatte eine Profundität, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten ersparte – seine Miene drückte stets auch in ihren wohlwollendsten Modificationen eine Sentenz zu gemäßigtem Zuchthaus aus, und auf den geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbuße oder Leibesstrafe; sie öffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzukünden, selbst der Glückwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines juridischen Dämons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche Mann nicht böse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit war gefürchtet. Die Beamten auf den Klostergütern zitterten vor ihm, die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in seinen weltlichen Arm – er war der Donnergott der Abtei. – Ein Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt – führte ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mädchen, an das ich nur mit dankbarer Rührung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden, und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne daß er ein stummes Wörtchen davon wußte. – Beatrix, trotz ihrer subalternen Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel, daß man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen nimmermehr zugetraut hätte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen, als daß sie beständig welche rupfte oder schließ – als gälte es das ewige Brautbett des alten Junggesellen. –

Mein Vormund empfing mich mit logischer Kürze, und wies, weil er eben dringend beschäftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange, lieber Cölestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, daß ich die künftige Angst wie im Voraus vergütet fühlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei uns gefällt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man muß ihn nur kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten. Ich mußte lächeln, so jung ich war, über diese Brocken von der Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushälterische Muhme gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hüte Dich, mit dem Stuhle zu wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben würde wohl weniger beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott läßt eher die Sonne aus seiner allmächtigen Hand fallen, und schaut großmüthig drein, ehe der Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. – Ich bebte; welch ein Wütherich mußte mein Vormund seyn! – Wir aßen ein kleines vortreffliches Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um mir Muth einzuflößen. Ich saß unbeweglich auf meinem Stuhle und sah ängstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie ich höre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie mit dem Flegel versetzte meiner ökonomischen Liebhaberei einen tüchtigen Schlag. Studiere nur fleißig! sprach er dictatorisch: es wird sich alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht gesund. Man ärgert sich tagtäglich und lebenslang ex officio. Ich warf einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrümmte Gestalt des Vetters, und glaubte ihm. – Zu meinem Erstaunen sah ich, daß dieser unwirsche Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward ihm eine Streitsache zu persönlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhörlichen Zänkereien der theologischen Herrn Brüder zu denken.«