»Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege geschürzt,« entgegnete der Administrator düster: »und wenn ich den Lauf meines Lebens überdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!«

Herr Prälat war in einer jener Stimmungen, welche dem nächsten Zufall den Schlüssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu öffnen. Zumal war dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern Mann, und so genügte er dem Bedürfniß des Vertrauens. Indem er eine Tabackpfeife ergriff und lächelnd den Kopf des Mustapha, genannt der Fahnenträger, betrachtete, sagte er: »kein Unterschied des Glaubens, kein religiöses Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung für das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen –« hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.

Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach: »Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn – ich will es nicht bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe, sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe geheirathet, die bedeutend älter war.«

»Taugt nicht, Freundchen,« schaltete der Major ein, und Jener fuhr fort: »diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe, daß dessenungeachtet das Glück einer Verbindung bestehen kann. Ein wesentliches Mißverhältniß entgegengesetzter Art machte diese Ehe unglücklich. Die Frau war coquett und lebenslustig für ihre Jahre, mein Vater weltsatt und ungesellig für die seinigen. So gab es keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits unauflöslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach längerer Zeit ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umständen von seiner Gattinn loszusagen, muß durch dringende Beweismittel unterstützt worden seyn: denn er ward von Seiten der Behörden nicht verpflichtet, sich ihrer weiter anzunehmen, oder für das Kind zu sorgen. In öder Vereinzelung ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ältlicher Mann geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er wählte ein blutjunges Mädchen, meine liebe Mutter.«

Der Administrator hielt inne und seufzte tief.

»Taugt wieder nichts,« brummte der Major sich in den Bart: »hätte ihn nicht nehmen sollen, die arme Kleine.«

»Mein Vater war wohlhabend – und meine Mutter eine abhängige Waise,« versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: »Gott trat in's Mittel – meine Geburt gab ihr den Tod.«

»Armer Freund!« sagte der Major weich: »so haben Sie das Treueste auf Erden nicht gekannt.«

Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: »mit einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwächliches Kind, was mühsam behandelt werden mußte, zu der Schwester meines Vaters gekommen, der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem harmlosen Spiel empor gerissen, es hieß: der alte Schreiber meines Vaters wäre da, mich zu holen; mein Vater läge im Sterben, und wolle mich noch einmal sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch niemals gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein ärmlicher Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die verschrumpfte Gestalt des Schreibers saß neben mir, oder lag vielmehr wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich wachte mit regen Sinnen, Bäume und Berge flogen an mir vorüber – die Reise war mir wie ein wüster Traum. – Die Scene meines Empfangs schwebt auf jede Weise dunkel vor meinem Gedächtniß. Das Krankenzimmer öffnete sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer verdoppelte. Ein schöner etwa dreijähriger Knabe saß auf dem Boden und stieß, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle er der Herold meiner Ankunft werden, und als fände nicht die geringste Berücksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche Macht über die Erinnerung üben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl, Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu Jericho – noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.«

Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches.