»Bon jour, Freundchen! störe ich?« rief der alte Feldmeister, indem er sich langsam durch die Thür schob; dicht neben ihm drängte sich sein großer Pudel von infernalischer Schwärze, heran: gleichsam der Dritte in diesem Bunde.

Der Administrator begrüßte den Besuch wie einen gern gesehenen, und streichelte den Faust, so hieß der Hund – der Täufling eines Kraftgenies, das weder an Göthe noch Klingemann, oder irgend einer Klinge Anstand genommen hätte, den Schwarzkünstler in seiner Art, also zu benennen. »Schön, aber verteufelt kalt heute!« bemerkte der Major, und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.

»Ich wollte nur –« sagte er tiefathmend, »ich hatte mit Ihnen zu sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspüre ich Gichter im Knöchel.« Der Pudel entzog sich der Liebkosung des Administrators, und lagerte sich zu den Füßen seines Herrn, den zottigen Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das leiseste Necken heraus hören, und mit einem drohenden Blicke höllischer Melancholie in den röthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als wolle er dem Weh, welches der Major männlich verbiß, rathen, nicht allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese hündische Seele.

»Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn,« erwiederte der Administrator tröstend auf jene Klage, »ein gelinder Schweiß hilft es heben,« dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstörte Miene in dem feinen Tuche.

»Wie es scheint, Freundchen,« sagte der Major und lächelte: »sind Sie selbst in Transpiration – oder in Angst? das verhüte Gott!«

»Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht« – sprach Jener heftig: »es kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden.« Bei diesen Worten rückte er ein Kästchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der Maschine von Wasserstoffgas wie mit zürnender Vollkraft, daß der Strahl erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewußtem Nachdruck des Gedankens, er sehe sich genöthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu drücken.

»Glaub's gern,« antwortete der Major gleichmüthig, und schickte sich ohne Umstände zum Rauchen an. »Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mögen unter den Frauen? Feuer und Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine« – der Blick des Majors streifte den gläsernen Globen – »ist ein Kind des Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man weiß nicht, woher? von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild – und die Frau Schwägerinn eine wackere Stiefmutter.«

Herr Prälat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte vor sich hin, als dächte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major fuhr fort: »wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so muß Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche Wirthinn, das muß wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille – aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so hübsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dächte wohl, Jene führte den Scepter im Hause, Diese trüge die Reichs-Insignien im Herzen des Mannes, und so wäre sie nur gleichsam eine Schattenköniginn.«

»Es wird nicht geschehen,« versetzte der Administrator halblaut, ohne sich deutlicher zu erklären, ob er das Heirathen, oder diese Vertragsamkeit meine.

»Es taugt nicht,« fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: »sich vor der Zeit mit Familien-Verhältnissen zu befassen. Frei muß der Mann seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rückt ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so däuchte es mir, ich hätte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen: denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.«