Das Mädchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick in die Perspective zu richten, welche in der schönsten Morgenbeleuchtung im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des israelitischen Sehers schwebte, lächelte so entzückt, als sähe dieser Blick in eine verklärte Welt.

Da öffnete sich die Thüre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein schlanker Körper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am Fenster, und die spöttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und an dem Winden todter Kränze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen beweglichen Zügen aus.

Wie leise dies Geräusch nun auch gewesen war: die ältere Frau hatte es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flüchtiges Roth überlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thüre erregt. Diese huschte mit zarten Füßen über das Getäfel der Diele, blinzelte hinter dem Rücken des Mädchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und Pathos: »hebet Eure Häupter auf – thut Euer böses Wesen von Euch – o! ich weiß auch, was hierin steht.« Dabei legte sie eine seidenweiche Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein Trauring an ihrem Goldfinger blinkte – unter das gesenkte Kinn der Aelteren und sprach: »bist Du mir noch böse, Fabia? Sey gut! ich kann Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.« Bei diesen nähernden Worten beugte die hübsche junge Frau sich mit versöhnender Anmuth herab, so daß ihr warmer Athem wie ein schmeichelndes Lüftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.

Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: »ich dachte es wohl, daß Du zur Vernunft kommen würdest –« und indem ihr Auge die weiblich-optische Kunst übte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gönnen – setzte sie hinzu: »daß Du Dich nicht erkältest, Therese! Du gehest so bloß. –« Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschönen Hals und Busen lose umflatterte, sondern in diese Blöße selbst. –

Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche sie sichtlich zu verdrießen schien, und nun auch die Stimmung ihrer gutmüthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglühend sprach sie: »es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich Dir, wenn Du Deine hartnäckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz einzugehen, für vernünftig hältst. Und wenn ich es zu vergessen suche, daß Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur, weil ich Dich dieses abtödtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.« Fabia erröthete sehr. Sie lös'te schnell ein kleines Schlüsselbund von ihrem Gürtel, und gab dem Mädchen einen entfernenden Auftrag. Dann sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrückten Zornes flog um ihre Lippen: »diese Aeußerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein Mitleid für Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der Güte! muß ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast Du keine Achtung für mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mädchen auch verderben?«

Theresens Stirn flammte. In größter Aufregung entgegnete sie: »verderben? auch? Wer ist verdorben? ich muß bitten, daß Du Dich in Deinen Ausdrücken mäßigest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden, ist feindselig und mißgünstig; ich aber gönne der ganzen Welt ihr Vergnügen, wenn sie mir nur das meine läßt.«

Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das innerste Gefühl noch immer bezwingend, sagte sie: »ich hasse nun einmal jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey, für Sünde. Und Comödie spielen ist eine solche.«

»O! die schlimmste ist es nicht –« entgegnete Therese: »es ist nur eine kleine ergötzliche Lust.« Und indem dieser verwehrte Genuß in allem Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so daß es ihr vor den Augen flimmerte, in welche Thränen des Verdrusses drangen, rief sie verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus: »der arme Cölestin! es würde ihm ein köstlicher Spaß gewesen seyn! Du aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein Capitel aus der Bibel lesen.«

Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: »dies dürfte ihm heilsam seyn, wie Dir. So höre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich werde keine Wittwe werden –« die Hand, welche Fabia auf diese Stelle legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort: »Wittwe« aussprach, als läge in diesem Verhältniß jene erschütternde Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.

Aber mit einem Lächeln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die Selbständigkeit der frommen Fabia und ließ sich nicht irren. Statt des unnützen Gezänks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last dieser Scene über die Seite, und sprach: »genug des Aergers. Nochmals, ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mögest. Du thust mir leid: denn Du kannst nicht anders.«