Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemüths, welches die schroffe Fabia so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeußerste. Sie wollte sprechen – aber Therese wendete den Fuß, und prallte an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. – Es war Herr Prälat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwägerinnen wir in den beiden Damen vorläufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte es seltsam gefügt, daß ein Mann, der so hieß, Vorsteher dieses weiland geistlichen Hauses würde; allein ein Blick auf seine Persönlichkeit reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden. Diese Gestalt, der eines Großwürdenträgers der Kirche durchaus nicht ähnlich, ragte über das gewöhnliche Maß hinaus, und schien von innerer Thätigkeit zu sehr angeregt, um völlig zu seyn; das schmale etwas blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer kränklichen und deshalb enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in bona pace, und dieses gebietende Auge, obgleich getrübt – war voll Feuergeist einer andern Tiefe, als des kühlen dunkeln Lagers, wo die Sonnenkräfte alter Jahre verschlossen glühen.
Er schlang seinen Arm mit brüderlicher Traulichkeit um Theresens schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: »wohin so eilig? Was ist's? Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thränen? ich will nicht fürchten, daß ein Zwist – stehe Du mir doch Rede, Therese!« Mit diesen dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer Schwägerinn zur andern.
Therese aber strebte fort. Als wünschte sie der weitern Verantwortung nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flüchtig: »es war so wichtig nicht – lasse es Dir nur von Fabia erzählen.« Vielleicht war es eine kleine Rache, daß Therese im sichern Gefühl, für Wessen Sache der Schwager sich entscheiden würde, den Vortheil des Vortrags Jener überließ.
»Nein, bleib!« forderte der Administrator: »so sprich doch, Fabia! ich will es wissen! werde ich es nicht erfahren?«
Mit niedergeschlagenen Augen und gekränkter Stimme sprach Frau Fabia: »ich muß Dich ersuchen, mein Bruder, daß Du mich in Zukunft vor Beleidigungen schützest, die ich länger weder ertragen kann noch darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.« Sie brach in heißes Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zürnenden Blitz aus, der nicht zündete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie die Erbärmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke und sprach: »welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Kürze sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drüben fröhlich, führten Sprichwörter, Charaden auf –« »Erlaube!« fiel hier Fabia ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhängigen Bitte an die Wortführerinn erging, »das ganze Gebiet üblicher Gemeinplätze reichte nicht aus für dieses muthwillige Treiben – denn Narrenspiel will Raum haben – man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mußte, schnöde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lächerlich zu machen. Sie spielten: Wiedertäufer, und das heilige Sacrament ward an dem Töchterchen der Gerichtshalterinn verhöhnt.«
»Ich sehe nichts Uebles dabei,« sagte der Administrator begütigend nach einer kleinen Pause, »jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle Art gemißbraucht.«
»Ach!« sagte Therese lachend, »von irgend einem Frevel konnte ja überhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere Dich, lieber Cölestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in Vorschlag. Bei den Sylben: Täufer, sah Gottschalk als Vierfürst so fürchterlich possirlich aus, daß wir Alle vor Lachen sterben zu müssen glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm – der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann costümirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstück – zur Taufkruke herbei, und an Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. – Wem, ich frage Dich, geschah nun hierbei ein Leides?«
»Fabia!« sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er hätte die höchste Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen können. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: »höre nur weiter! es kommt noch besser.«
»Ja,« rief Therese leidenschaftlich, »höre nur weiter! es kommt noch schlimmer. Es ward immer hübscher, bei Gottschalks nämlich. Wir kamen mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem Geburtstage künftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten. Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsägliches Vergnügen in der Idee. Doch Fabia, als Schlüsseldame des Hauses, verweigerte uns zur Ausführung das Local und ihre Theilnahme. Wir wünschten das grüne Bogenzimmer für diesen Zweck, und baten, daß sie eine kleine alte anspruchslose Rolle übernähme.«
Ein Schatten jugendlicher Prätension veränderte hier die Züge der ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Büste zuvor gewesen. Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwägerinn und sprach: »freilich, mit einer Inamorata warst Du so gütig, mich zu verschonen – die spielst Du selbst.«