Therese hielt es vermuthlich nicht für nöthig, darauf zu antworten. Sie wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schluß: »Du weißt nun, worüber wir in Streit geriethen – mir war er abgemacht.«
»Und warum warst Du dagegen?« fragte der Administrator beklommen die Unversöhnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.
»Es läuft wider meine Grundsätze,« erwiederte Fabia finster, und trocknete die Thränen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend einem schweren Wetter, über ihr Gesicht flossen.
»O, gute Fabia! Deine Grundsätze sind sehr streng!« sagte Herr Prälat mit bitterm Lächeln, »wenn wir solch einen Maßstab an die kleinen Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber ein gestörtes Vergnügen, für dessen Absicht ich dankbar seyn muß. Der Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb, sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.«
»Leider!« sprach Fabia, »deshalb ist es nothwendig, daß man ihn bekämpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.«
»Dies dürfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwägerinn –« versetzte der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses Widerspruchs mildern wolle, »als was man unter der Mummerei einer kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse der Schmerzen, die Blöße der Leidenschaften und der Wunden, die das Schicksal schlägt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der wahre Gott hüllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten unseres Gemüths.«
»Ja,« fügte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen, »Jesus Christus selbst, ich wette! würde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit nur war ihm verhaßt.« »Und ich erkenne nun,« sagte Fabia, während sie mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflückte, »daß es an der Zeit für mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkürzte, und dem ich nur in seinen Vergnügungen störend bin. Ich tauge zu weiter nichts, als einen einfältigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges Talent, das meine, gegen die Vorzüge Anderer! – So will ich denn gehen. Es wird doch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich geben, wo man mit Arbeit und Gebet Ruhe finden kann für seine Seele.«
»Gott des Lebens!« rief der Administrator außer Fassung, »muß es dahin kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia! hättest Du Dich jemals über mich beklagen können? – ich achte jede Individualität, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jüngere.« »Ich habe es gethan,« sagte Therese etwas eingeschüchtert von diesem Ausgange, »ich kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!«
Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu schenken. Er sprach: »Du hast Fabia gewiß nicht kränken wollen. Auf die Comödie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, laßt das Band der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie neugeboren fühlen.« »Es würde doch nur ein kleines Schauspiel werden,« antwortete Fabia mit entschlossnem Lächeln, »und Du weißt, mein Bruder, ich bin ungefügig dazu.«
»Gehe, Therese!« sagte Herr Prälat, und es schien, als ob nur größere Zutraulichkeit zu dieser Schwägerinn sie verweise, »lasse mich mit Fabia allein.« Therese ging. Alsbald faßte der junge Mann die runden Arme Fabiens so fest, daß sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand, in der er sprach. »Fabia! das konntest Du mir thun? muß ich Dich an Deine zärtliche Sorge für mich erinnern?– Sieh! wolltest Du mich verlassen, ich könnte Dich nicht halten; genug, daß ich mich an das Bewußtseyn hielte, ich hätte es nicht um Dich verdient.« Fabia war ergriffen, dennoch sagte sie: »Du behältst ja Theresen –«