»Ja,« antwortete ihr Schwager, »und ich werde, was auch geschehe, mein Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.«

Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wäre. Die Erklärung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne gebrochen. Sie zerschmolz in Thränen, und sprach: »muß es mich nicht schmerzen, daß Du ihr alles gut heißest, selbst das, was mich empört? vergeht wohl ein Tag, ohne daß ich über sie seufzen müßte? kommt je ein gottesfürchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?«

»Sie giebt Dir Gelegenheit,« antwortete Herr Prälat wie mit düsterm Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwägerinn, »Dich in einer der schönsten christlichen Tugenden zu üben: der Duldung. Gönne ihr die Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume, die für kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man nichts verlangt, als daß sie ihre Stelle einnimmt.«

»Man wird keine Trauben lesen von den Dornen –« entgegnete Fabia tiefathmend. »O! diese Blume ist giftig –«

»Nein, gute Fabia! höchstens nur ein wenig betäubend –« sprach der Administrator und lächelte zerstreut. »Sey doch nur billig!« fuhr er in ernsterem Tone fort, »und überlege, wie verschieden von Dir, Therese ihrem Naturell, ihrer früheren Lebensweise nach, denken muß, und ungerecht wäre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest. Im Geräusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche ihre Jugend gewöhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine Pflicht zu binden, und unter so precairen Umständen erst gar nicht. Dies hat der Himmel wohl gewußt, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne Zusammenhang dieses Verhältnisses. – Ihren kleinen Speculationen stehet landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den öden Raum von Sanct Capella füllen, kommen die Neigungen einer jungen lebendigen Frau nicht an das Brett – und wollte Therese auf Eroberungen ausgehen: so sähe sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der in der schläfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen träumt.«

Fabia antwortete: »o! Therese besiegt auch wachsame Leute – und übt ihre coquetten Künste vor sehenden Augen.«

Ein wundes Lächeln zuckte über das Angesicht Dessen, welcher der Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie unbewußt die Hand auf seine linke Seite, als fühle er dort Schmerz, und sprach: »Fabia! laß uns dies Gespräch enden; doch vernimm zuvor meine Bitte: mache Theresen Deine Frömmigkeit liebenswürdig! versuche es einmal mit freundlicher Güte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die weiche Blüthe der Religiosität? – Denkst Du nicht, daß es mich betrübe, wenn Jemand gezwungen wäre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben dazu, dessen Früchte für ihn zeugen sollen? flöße Theresen, diesem Kinde an Vernunft – sanftmüthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wünsche gewesen, und stärke sie für das Leben der Seele. Dann stärkst Du auch mich – und wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war – diese Zeit, deren ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch täglich daran mahnt – hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir alles an den Augen abzusehen, was mich laben könnte – willst Du, da ich kaum – kaum genesen bin, härter gegen mich seyn? erquicke mich durch Eure Verträglichkeit! ich wollte sonst, ich läge im Grabe.«

Diese Worte, in überwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem Einfluß. Fabia reichte dem brüderlichen Schutzherrn die Hand, und sah ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besänftiget: »mißkenne auch Du mich nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nächster Gemeinschaft auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament. Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert nur mit ihren Reizen. Am häuslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie fängt – was ich nun vor den Tod nicht leiden kann – hundert Arbeiten an, ohne eine zu vollenden. Der Fleiß erscheint ihr wie eine Frohne, gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr lächerliche Pedanterie – jüngst hat in einer kostbaren Wollestickerei, die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt.« Den Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkräftete. Er hatte, während ihm Fabia Theresens Fehler aufzählte, ein paarmal schwer geseufzt, über die Unart der Frauen, nachdem ein vernünftiger Mann sie überzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen. Diese Verdammniß manch häuslicher Hölle ist gleich der Strafe des Sisyphus. –

»Und was mir am meisten Kummer verursacht,« fuhr Fabia fort: »ist, daß ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so mehr, da es ihr nicht an verführerischen Gaben fehlt. Josephine spricht ihr, wie wenig sie redet, beständig das Wort; das ist schon ein übles Zeichen.«

»O Fabia!« sagte ihr Schwager mit innigem Tone: »es ist das Zeichen eines heiligen Gemüths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nächsten verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle denkt. Die Unschuld beschützt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen Umgang Theresens eine schädliche Einwirkung auf Josephine zu befürchten seyn: so wird Deine Strenge« – Herr Prälat betonte, was er sagte, und es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation –: »dieser möglichen Gefahr schon zu begegnen wissen.«