Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war, als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer ich selber sey. – Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht gegen mich. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten, einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den Du mich hältst. – Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den Taufschein zeigen könne? – Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird. Jüngst las ich – und es hat mich innigst gerührt – in den ungeheuern Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht verschmachten dürfen im heißen Sande – und dieser Gebrauch wird heilig gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters, was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? – Du sprichst den Ruhm einer guten Christinn an – besinne Dich, wie oft die Apostel die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren – doch Du kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde – doch schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen Dich zu vertheidigen.«
Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung behaupten – und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.– Dieser erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte, es ist traurig – aber es ist in Wahrheit, daß der Erfolg das Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb nach langer Zeit – es mußten Briefe verloren gegangen seyn – aus weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart angehörte, dachte je länger, je leiser an jenen Tag des Abschieds. Nur in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück, und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide – kam über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens, die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung ablernen mögten – dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders – Sie können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich, solch ein Zusammenleben nichts taugt. Verlangen soll es mich aber doch, ob der Herr Bruder kommen wird? ad vocem! kommen! es kommt noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« –
Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder, streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr? dieser mein alter Freund sollte Feuer heißen, denn er hat den Teufel der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er kam mit seiner Frau von D–. und hatte den Reitknecht von der letzten Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein; die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir sähen aus wie Milch und Blut – das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte – taugt nichts, solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier – antwortete ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein! versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen. Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer dummen Liebschaft, die nichts taugt. – Er hat sich um einer Dame willen geschossen – entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. – Mögte Einem nicht gleich der Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht – sagte die Obristinn begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält. In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art. Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr aus –, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts – sagte die Obristin. Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau von Milch hatte die Güte mir das corpus delicti zu beschreiben. Ein Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die Offiziere zerren den Schuh hin und her – da schwankt die Alte, wird bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein Neffe – ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone bloßzustellen – reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major athmete tief.
»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen, als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft gloriös.«
»Das meine ich auch –« sagte der Major, und seine Augen funkelten. »Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen; doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen. Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen, und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie, Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause. Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes. Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und schweigt – und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging – nehmen Sie nur Ihr Glück besser in Acht – lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. – Und als nun die Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit nahe und anders noch beweisen könne – da schüttelt er sich, und dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie nun dazu?«
»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken –« antwortete der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht Keine. –«
»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen haften kann – auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere Junge für einige Monate meine Wohnung theile? –«
»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum bei uns da – wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen, welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig behalten.«
Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor – der Moorhausen scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun – mit Dem hat es keine Gefahr. Aber – Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine wahrhaftig hübsch genug.«
»Die bewacht Fabia –« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe.