»Was das betrifft –« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache. Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist ein stilles Wässerchen –«
»Und tief!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg entzückten Geistes fließen sah.«
Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor Freude geweint seyn. –« Jener schwieg.
Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam, vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter Gottschalk – einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird – und der nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen. Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat, daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget. Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem Herzen, weil es hochauf klopfte – und dem Munde des Majors entfuhr gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim –, dies tauge nichts. –
Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte. Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener Freuden – und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? –
Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch das Knöspchen daran war mir lieb. – Heute, gerade heute, hatte sie ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah – wie man die Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der Freude daraus!«
Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand nur Rosenkränze von schwarzen Perlen umschlungen hätten.
Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen, den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen. Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam – voll Kern – ein Zuckerrohr –« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung. Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«
Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt. Wie viel sind Unserer? auf Sieben wenigstens kannst Du nicht zählen. Doch das ist auch eine böse Zahl, – dieser Irrthum, diese Achte geht in der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.«
Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen Stuhl zu viel setzte, geschah es.«