»Nun, so möge es denn Constanz seyn –« sagte sein Bruder, »denn es will mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.«
Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen das Herz bricht? – Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das Zerbrechliche allzusehr lieben –, taugt nichts.«
Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug.
»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine fünften.«
Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser, Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei *** vorüber war –« »nun sind wir geschlagen –« murmelte der Major seinem Nachbar zu, »er rückt ins Feld –« »wir hatten den ganzen Tag hindurch gemetzelt –« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären –, »fühlte ich mich der Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen dauerte fort – ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«
»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major.
»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft, »glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch lau!«
»Jeder Achill hat seine Ferse –« fiel hier der Administrator ein, dem diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das Glück, Sie zu besitzen.«
Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu, beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz stärkt die Natur dort so riesenhaft – ist's nicht so, Moorhausen? was Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.«
Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall hervorbringende und ergänzende Kraft –« sagte er, unendlich glücklich. »Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen – auf Ehre!«