»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern –« sprach der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.« Alle lachten.

Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde. Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand ein gläsernes Krachen in der Luft – als wenn die Giganten Zank bekommen hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt – die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie, wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein Weizen schöner blühete als je! – Ich stand mit Resignation an jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.«

Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er selbst in Sonne und Eis – es herrschte eine große Stille, als wäre ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es nicht. – Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt – und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen – ist dort die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand; weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball en masque gewesen zu seyn.«

»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt.

Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem Gedanken – oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf die Frage stand: was ist Wahrheit

Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage – wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein – da hatten wir einen andern Spaß – am Tage Charitas, den achten October, zum Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.«

Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen, auf der sie es getragen – und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe – die Oefen im Schlosse – es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem Thon – hat mir ein Freimaurer gesetzt.«

Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume, Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab seinen Beitrag.

»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes – sie ruhet längst – besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor: sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert, und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort – die Flügel dieser Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt, und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete es ihm.«

Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern das Wort zu vergönnen.