»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung zu erzählen –« sagte Frau Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der Gräber –, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den Todten in naher Verbindung stehen. –« Aller Blicke richteten sich auf Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie es nun einmal ist, voll Angst und Mühe – besser als meine Freundinn gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle Erde – und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. – Meine Minna hatte sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als einem Grunde ein Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach, so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. – Ein Spötter sagte: Minnas künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung sey – in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können – wie in einem hübschen Mährchen zu lesen. – Wie nun das Testament des Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre – er bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter Mann – vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger. – Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte – und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren –« hier lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit, »der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine schmerzliche Zähre heraus. – Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die Acte war schon fertig – und den Bräutigam heimlich zurückrufen – Minna und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was geschah! – Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in Ordnung, verschloß alle Schübe – da trat mein Vater ein, mit raschem Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde. – All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. – Ich suchte es dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief, der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich, daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt darnach ein Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! – Mich selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren Verlauf wir uns wenig gesehen hatten – da – ich weiß es wohl noch wie heute – räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter, als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen. Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn – sagte sie: den Donnerstag geht es fort – lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln; denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit – sagte er, und hielt mir die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch – als ich einsteigen wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh – er sank tief ein. Den Führer sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. – Mich überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich. Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne, und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige Nachricht gestärkt. – Minna ist recht krank – – ich blickte in sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! – Er nickte schmerzlich-still. – Sie war in der verwichenen Nacht an einem Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna sich gelegt. – Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen, wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten, aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben. Mit welchem herzzerreißenden Schmerze – davon will ich schweigen. –«
Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzählung, welche bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so größerer Wirkung gewesen war. Man wußte, und mit Achtung wußte man es – wie wahrhaft Frau Fabia sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten Zuthat verschmähe. Sie glaubte dessen nicht zu bedürfen, um das Interesse Anderer für jene wehmüthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen.
Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach: »ich würde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache natürlich erklären zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir können nur verstummen. Was, in aller Welt, wäre denn nicht wunderbar, oder ahnungsvoll? – Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund, wie er dort ein gefährdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in den längsten Schlaf lullt, wohnt gewiß in eines Jeden Brust, wenn dieser Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wäre. In einer für das Höhere erweiterten Seele findet er gewiß Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz zu pochen.«
Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefühl das Tragische nicht liebte, und als ein tüchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeußerung seines Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die Gewohnheit laut zu denken, und so sagte er: »nun sollte eine Sandale an die Reihe kommen.«
»Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder?« fragte Hauptmann Moorhausen: »wohl ist dieser Stoff ein unerschöpfliches Meer.«
Und Josephine sagte: »die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle sind wunderprächtig mit Gold und Perlen gestickt.« Die Kleine stockte beklommen; doch Frau Fabia gab heute Preßfreiheit für Lügen wie gedruckt, wie für die Legende des Hauses, und so entblätterte sich die Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: »In dem blassen Mondschein, den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch so heilig! daß man gläubig wird, dieser Fuß müsse den Thron des Himmels besteigen. Oft schon habe ich ihn geküßt – und dabei gedacht, wie manches bekümmerte Angesicht mag seine Thränen darauf geweint haben! die sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir etwas Rührendes, denn er erinnert mich, wie dieser beständige Fuß seine Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.«
»Recht, mein Kind,« erwiederte die Nonne erregt, »unsere Jungfrau von der Capelle, von der das Kloster den Namen führt, gehört ganz eigentlich hierher, und es ließe sich Manches von dieser Wunderthäterinn erzählen, wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.«
»Das kenne ich ja nicht –« sagte Herr Prälat, erstaunt, sein Schutzkind so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden; und der Major fragte: »was ist's mit der Jungfrau?«
Die Nonne sprach: »nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle Capelle dahinten seine erste Gründung gewesen. Man sieht es auch an der Bauart, wie viel älter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. – Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schön, es hat aber einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, daß man gleichsam Trost fühlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hält es bedeutsam in die Höhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die Sage erzählt: eines Schäfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaßen zu Gemüth gezogen, daß alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib einen Säugling stillen müssen, mit dem Grame ihrer Brust. – Da man die Schäferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn werde, den spärlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrängniß hat die betrübte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mögte die ärmste Mutter der Erde vertreten in ihrer großen Schwachheit. Und als dennoch täglich um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts die Lämmer gehütet, auf daß die Schäferinn der Ruhe pflegen möge. Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen schillerndes Gewässer nun wie mürber Zunder ist – an der aufgehobenen Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt – im andern Arme hat sie das göttliche Kind getragen, wie Jene das dürftige Kleine. In der Nähe des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied – so himmlisch! daß der Wind geschwiegen und die Vögel in den Zweigen gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Geläut der Heerde geklungen, wie die Glöckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne Strahlen verbreitet über den grünen Klee. – Niemand wagte mehr, der Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren – aber eines Tages das Kind vom Schoße der Mutter, als sie auch einmal schläft. Ein Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der Nahrung nun versiegt gewesen, und das Würmchen am Verschmachten. Die Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und fristet mit kärglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie ringt die Hände wund und fleht: die heilige Jungfrau mögte sie ihr Kind wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt. Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, daß Der, welcher ihre himmlische Güte sich sichtbar angenommen – der Glaube fehlt. – Da nun die unglückliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfaßt. – Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe ist, die ihr Einziges eingebüßt; sonst würdest Du auf mein Herzeleid merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hören will, muß fühlen! – Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drückt es mütterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heißen Angst zerschmelzen müßte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das weiche Vließ von einem ungeborenen Lämmlein. Sie selbst liegt im Fieber. Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rührt sie an, und fordert ihr Kind zurück. Da sagt die Kranke, wo sie es hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel – – darauf ist die Mutter gestorben. – Seitdem nun,« schloß Schwester Veronica diese Tradition, »hat Mancher, der etwas vermißt – ach mein Heiland Du! Wessen Leben wäre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle gesucht und – gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhörend ein Zeichen mit dem Finger, was noch nie trüglich gewesen.«
»Es gehört ein starker Glaube dazu –« sagte Hauptmann Moorhausen, er, der den stärksten in Anspruch nahm –, »und eine deutsame Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn sie kann doch nur Rechts, Links!« (diese Worte wurden im exercirenden Tone gesprochen) »nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir ohngefähr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.«