»Dem Zweifler ist nichts beschieden –« antwortete Therese spottend, »wenn Sie einmal das Gedächtniß verlieren, mon Capitain, wird Sanct Maria es Ihnen nicht suchen helfen.«

»O! mein Gedächtniß ist gut!« erwiederte der Hauptmann prahlerisch sicher. »Das muß es auch –« versetzte die muthwillige Frau und lächelte ihn an, so daß ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein schalkhafter Liebesblick einleuchtete.

»Es ist doch viel,« fiel hier der Administrator ein, »daß bei der Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.«

»Viel?« fragte die Nonne und ihre Wange röthete sich bei dieser aufregenden Erinnerung, »wenig war es, werthester Freund! sehr wenig. Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder – morsche Bänke – die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fußbekleidung etwa ausgenommen, und für diese habe ich Alles hingegeben, was ich an Pretiosen noch besaß. Die goldne Taschenuhr meines Vaters – ein köstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade keine Wagschale der Gerechtigkeit war – und dabei fiel der kleine Uhrschlüssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen Schlüssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit er ihn drehete – – ich mußte meine Augen abwenden. Da sagte der Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschließen. Er zog den großen Schlüssel aus dem Schloß der Capelle, reichte mir ihn und sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die Uhr mogte er dagegen als sein Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlüssel fest gemacht. –«

Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in einer Neige Wein hinunter. Herr Prälat aber schlug in stillem Grimm das umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als hätte er den Commissair damit auf die Finger schlagen mögen. – Aber friedlich sprach die Nonne: »dies Alles ist nun überwunden; ich wollte nur sagen: ich hätte mir gewissermaßen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die schönsten Blumen fülle ich in die kleinen Krüge zu beiden Seiten des Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nähre ich aus meinen geringen Mitteln, und müßte der Winter meines Lebens finster für mich seyn, wie eine lange Sterbestunde.« Der Blick der Nonne leuchtete bei diesen Worten auf, wie ein Flämmchen vor dem Verlöschen. Alle waren gerührt.

»Und dieses liebe Geschäft,« sagte Josephine in holder Geschwätzigkeit, wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, »gönnt mir die gute Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist für mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andächtiges Gefühl verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du neulich erzähltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das Licht. Man denkt sich eines Sünders Seele dunkel. – Ich fürchte mich auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dämmerung in dem verwitterten Beichtstuhl. Da flüstert es neben mir, die feuchten Wände wispern, ich höre den Holzwurm picken – und denke, es sey Veronicas Uhr, und wo dies Herz der Capelle wohl schlüge? – Und wenn ich sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell geworden. Jüngst beschlich mich ein sehnsüchtiges Weh, ich mußte weinen und trüber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner eigenen Stimme: wo ist – wo ist mein lieber Vater, den ich verloren? – – Ein Seufzer –« der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mädchen verstummte. Hauptmann Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach cathegorisch: »Ahnungen giebts! ich selbst habe –« jetzt stieß der Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden auf einige Momente unterbrach. »Ja, das war ein Abenteuer,« setzte er seine Rede fort und festen Fuß in weichenden Boden –, »was Muth erforderte. Als wir im Jahr 18– an der Grenze standen, ward ich mit einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrührerische Rotte zu bändigen und nach Umständen zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald gehoben, die Empörer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen unwirthbaren Hürden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Paß verschneit – kein Wunder, daß wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und Nebel an ein adeliges Schloß, das Gott weiß! wie weit abseits von unserm Wege lag. Sie können wohl denken, meine Verehrtesten! daß wir als Gäste zu so später Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man muß nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde saß ich mit dem Förster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzählte von den Verhältnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die Gegend entzückend sey, und als ich nach der Ursache fragte, äußerte der Förster: es wäre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden – da versicherte er mich sehr ernsthaft, es wäre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes, ein junger Graf – St – der Name ist mir entfallen – sey vor mehreren Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.«

Vor dieser Möglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faßten unwillkürlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: »Potztausend! über den Zwanzigpfünder! – Dem ist das Herz schwer gewesen. –«

»Auch im moralischen Sinne –« antwortete Hauptmann Moorhausen: »ein Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam – hatte einen wichtigen Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und säumte zu erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen. – Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich. So genoß er nur täglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend häufig wechseln mußten. In der einen Nacht wacht der Jäger, der Graf liegt stille, da öffnet sich die Thüre und ein junger blasser Offizier tritt ohne Geräusch herein. Der Büchsenspanner erkennt den Freund des jungen Herrn und verhält sich ruhig. Der Offizier beugt sich über das Bette, flüstert tief in die Kissen hinein – da wird dem Jäger unheimlich, er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar sträubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und der Graf verschieden. –«

Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hörbar die kleine Gesellschaft durchfröstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser kühne Geisterseher lächelte kaltblütig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte an. Herr Prälat aber war auffallend bleich, und Therese rückte sich ihrem Schwager noch näher und umschloß seinen Arm mit ihren beiden Händen. »Es taugt nichts,« sprach der Major, »daß wir uns jetzt zu nächtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich dächte, wir höben uns das Ergebniß für ein andermal auf.«

»Nein,« sagte Therese, »es fürchtet sich hübsch unter Mehreren und ich lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern; fahren Sie fort!«