Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: »den Freund des Grafen hatte ein plötzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund hält sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. – So oft nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen schläft, erscheint er und bringt die verspätete Kunde; aber einer Frage hielte dieser zuverlässige Schatten nicht Stich. – Er soll mir Stand halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Förster, und bat mir jenes gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wüst und unheimlich aus. Der Förster versah mich mit dem Nöthigen, legte mir, wie ich gefordert, einen Hirschfänger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf geladen, zur Seite und wünschte mir, grauenhaft lächelnd, eine geruhsame Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage forderte ich den Geist nun heraus. – Als ich mich sterbensmüde in dem Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte – der Riese Goliath hätte Platz darin gefunden – dachte ich an das Riesenherz des armen Jünglings und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel seiner Mahlzeit. Mir war, als hätte ich die Weltkugel im Magen. Die compacte Kost des Försters hatte mir Congestionen erregt. Endlich überwältigte der Schlaf das empörte Blut – da klopft es dreimal deutlich – –«

Es klopfte jetzt wirklich an die Thüre des Klosters. Der Hauptmann verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in gleicher Hast, vielleicht glaubend, daß sein Neffe komme, wollte es ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fuß und Herr Prälat leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in dieser Verwirrung hatte Josephine ein übriges Licht ergriffen – den Tisch erhellte eine schöne Lampe – und war hinausgeeilt. Sie floh den Gang entlang, ihr Schatten wehete an den düstern Wänden hin – nun stand sie an der Pforte pochenden Herzens, und draußen schlug eine unbekannte Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, daß dieser Laut wie ein unendlicher Hall durch die Stille der klösterlichen Nacht tönte. – »Gleich! gleich!« sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel zurück, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat, von hoher Gestalt, umflossen von einem weißen weiten Mantel, dem eine schmale Reisetasche von rothem Saffian überhing, so daß sein Ansehen bei mäßiger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine, im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umriß des Mädchens aus der finstern Umgebung hervortreten ließ, fühlte ein Beben bei dem Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen Blick auf die bleichen Züge des Fremden, der mit einem Ausdruck von freudigem Staunen seine Pförtnerinn ins Auge faßte. »Wo ein Engel öffnet um diese Stunde –« sagte er, »da darf man über die Aufnahme nicht zweifelhaft seyn. – Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator daheim? gleichviel, ob schlafend, ich muß ihn sprechen.«

»Er ist noch wach,« antwortete Josephine, »zur Feier seines Geburtstages, in Mitten seiner Freunde.« Und alsbald tadelte sich das Mädchen, daß es den fremden Mann in ein Familienfest einführe.

»Seiner Freunde –« wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent, und ging raschen Schrittes voran. Herr Prälat kam ihnen schon entgegen, hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gäbe? Ein sprachloser Moment des Erkennens! dann rief Jener: »Sylvius!« wie ein Echo aus der Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach – und nur unarticulirte erschütternde Töne entrangen sich der Brust des Fremden. Da breitete der Administrator die Arme so jählings aus, daß er in Josephinens Leuchte griff, sie erlöschte – und das Dunkel des Kreuzgangs umfloß ein Wiedersehen.


Unsere Leser wollen sich erinnern, daß, als Herr Prälat dem Major Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes erwähnt, ohne den Faden jenes Verhältnisses auszuspinnen –; wir aber knüpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachträglich davon zu sagen haben, an jenes Fragment.

Nachdem der Held unserer Erzählung seine cameralistischen Studien beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behörde in H–. Dann dachte Cölestin, wir wollen den Administrator der Kürze wegen so nennen – ehe er eine fixe Stellung annähme, eine große Reise anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen war. Es hatte Mühe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die benöthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und alles festgesetzt war, fühlte er sich festgehalten durch die zartesten Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgültig geworden.

Cölestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedürfen. Er fand die Anzeige in einem öffentlichen Blatte, daß eine Wohnung für einen ältlichen Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale ablassen wolle. Er mußte des bedingenden Wortes lächeln, ließ sich aber dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schütz, der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge üblich war, und gegenwärtig nur in seinen vier Pfählen herumförsterte, seine Schwester, Frau von Schütz, die Wittwe eines Vetters, und ein Fräulein von Schütz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Cölestin sagte: wenn sie unter einem ältlichen Herrn einen ruhigen verständen, so könnten sie ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre übersehen. Er dürfe von sich rühmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract abgeschlossen. Bei näherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte Cölestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhältniß sey, was ihm so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des Mädchens abhold, die schöne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden überlegen. Sie wollte die Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten, und einst goldne Früchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen weinen mußte. Aber diese trübe Aussaat war selten, denn die Vorsehung hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Cölestin sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater für kleine Intriguen-Stücke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. – Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels schmeichle, wie den gehässigen Fehlern der Tante, und Beide anzuführen wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschöpf seines Interesses doch so sehr versichert, daß sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen – Tony theilte ihm die Rolle ihres Vertrauten zu, und bald hätte er ihr das ganze Glück seines Lebens anvertrauen mögen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen für Nothwehr, die fügsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange schillerte, für Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den die reizende Tony sich gefallen ließ, wie das Verheimlichen prächtiger Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, für gleich nachgebende bescheidene Gefälligkeit der Nichte. – Die Liebe war es, meine Leser, welche Engel schuf. Sie verschönt, vergiebt, vergöttlicht – und öffnet selbst den Geistern der Hölle ihren Himmel. – Tony gab bei schicklichem Anlaß dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und welcher fortwährenden Anstrengungen sie bedürfe, sich ihn als eine Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie führte ihm mit lachendem Munde kleine Züge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante an, so daß Cölestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig wünschte, das schöne heimlich geliebte Mädchen aus dieser Höhle des Satans befreien zu können. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen zu geben wußte, hielt ihn zurück, so oft ein erklärendes Wort auf seine Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm näher und näher. – Als jenes würdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben dürfen, beschied sie den ihr begegnenden Cölestin rasch und flüsternd in den Garten, wo er ihrer harren möge. Cölestin wußte nicht, was er von diesem naiven Rendezvous denken solle – aber er folgte dem süßen Befehl. Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus – endlich kam sie, im neuesten Geschmack und so reizend angezogen, daß er geblendet vor ihr stand. »Gefalle ich Ihnen so?« fragte sie lächelnd, »ich putze mich manchmal auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, daß ich ein Mädchen bin. Da komme ich mir denn wie eine verwünschte Prinzessinn, und mein Schicksal mir wie ein Mährchen vor, darin sich ehestens mein alberner Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln würde, mit dem ich freudig zöge über Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich zählen müssen, in blankes Gold. Denn –« setzte Tony in liebenswürdigem Uebermuthe hinzu: »sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich lieber heute sterben. – Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu ihrer Verdammniß wollen wir künftig rollen in die weite Welt.«

Und trotz dieser leichtfertigen Sprache überredete Cölestin sich selbst, daß Tony, ihn als Gattinn zu beglücken, geeigneter als jede Andere sey. Kaum würde er einem übereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht die Freundschaft seine Gefühle rettend getheilt hätte. –

Jenes geheimnißvolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander zu wirken, ließ Cölestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein Geschlechtsname möge einer späteren Mittheilung vorbehalten bleiben – den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller schwermüthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar ohne Zweck, als Cölestin ihn kennen lernte. Er fühlte sich wunderbar von jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, daß Cölestin ihm seine ganze Seele offen gab, während Jener dieses Vertrauen nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme für die Geheimnisse des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil für die seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrückten Herzens. Er trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns, auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jägers. Diese Außenfarbe der Hoffnung ließ jedoch wie Spott der düstern Resignation, womit Sylvius achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein anderes Glück zu wünschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewährt. Ueber seine angestammten Verhältnisse verbreitete er sich nie; dagegen gab er freundlich Allem Raum und Gehör, was Cölestin ihm von sich selbst sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wäre – und Sylvius sagte, indem ein flüchtiges Erröthen sein bleiches Gesicht überflog: es sey das Bild seiner Frau. »Seine Frau?« fragte Cölestin sich selbst, und hatte kaum Zeit, darüber zu staunen, oder die Schönheit der jungen Dame zu bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas Anderm. Sylvius hatte oftmals das Töchterchen seines Wirthes bei sich und liebkosete ihm väterlichweich. Cölestin scherzte darüber. – »Die Kleine ist meinem Kinde auffallend ähnlich und in demselben Alter,« sprach Sylvius mit ungewöhnlicher Rührung. »Seinem Kinde?« fragte Cölestin abermals in sich hinein; Sylvius mußte als ein Jüngling geheirathet haben. – Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er immer sey, sein Urtheil über Angelegenheiten der Liebe von einem andern Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts, die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Cölestin seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut, die er für Tony von Schütz gefaßt hatte, wie mit den quälenden Zweifeln über die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamäleons, und ob dieses Gemüth endlich Farbe halten werde? –