Sylvius schüttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: »das Mädchen, Lieber, gefällt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach für den Reiz der Schlauheit.«
Cölestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner eigentlichen innersten Meinung manche Blöße. Das üble Vorurtheil gegen Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermöge seiner Zurückhaltung Superiorität über seinen Freund übte, so hatte dieser entschiedene Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens – ein vorsichtiges Verfahren Cölestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschluß seiner Geschäfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu Sylvius und sprach: »eine Bitte, Freund! die letzte. Es fällt mir schwer zu scheiden, und am liebsten mögte ich dies Post- und Reisespiel, was meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkür gegeben ist, verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besaß, als ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, daß ich fort muß. – Ich würde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wäre. Du Freund, Du allein könntest mir reinen Wein einschenken, und wäre es auch ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fändest Du ein wärmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fünkchen Liebe für mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen Mundes, wahre mir mein Glück, denn ich liebe das Mädchen sehr!« Cölestin legte dieses Bekenntniß mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde um den Hals.
Von der Zuversicht erschüttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es war ein schönes Gefühl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte, er mögte Tony Unrecht gethan haben, und eine Stütze für die Ruhe, für die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: »das größte Glück eines Mannes ist, seine Geliebte gut und würdig zu wissen.« Und Cölestin antwortete ihm: »das größte Glück ist ein treuer Freund!« Sie wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Cölestin, der mit dem Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem Falle, daß Sylvius seinen Aufenthalt verändern müsse, solle der Freund Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rückkehr vorfinden. – Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Cölestin um so sicherer, seinen Freund noch in H–. anzutreffen. Mit drängenden Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hörte, dessen Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: daß Sylvius ihm reinen Wein einschenken möge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewöhnlich erleuchtet, die Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flügel. Seine Pulse stockten – dieser fremde fröhliche Ton, der Anschein des Unbekannten ängstete ihn, er wendete sich seitwärts, wo auf einer Bank ein Mädchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt saß, und fragte beklommen: ob der Forstrath Gäste bei sich habe? »Das kann wohl seyn –« antwortete die Dirne und lachte frech. »Ich meine Gesellschaft –« sprach Cölestin, von einer dunkeln Ahnung empört.
»Nein,« entgegnete das Mädchen, »Der ist zur Ruhe.«
»Zur Ruhe?« fragte Cölestin, »es ist kaum halb Neun.«
»Der ist ganz und gar gestorben –« war die fast höhnische Antwort.
»Und Frau von Schütz? –« »Die ist fortgezogen.«
»Und das Fräulein? –« Cölestins Athem stand stille, so auch der Schlag seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mädchen gleichgültig erwiederte: »Fräulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der hier wohnte. Er trug immer einen grünen Rock. –«
Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Cölestin stammelte mit leiser Lippe: »das ist nicht wahr!« dann dankte er für gegebenen Bericht, und seine Seele zerriß, da er die wüste Dirne hinter sich scherzen hörte. Sylvius ehemaliger Wirth, den Cölestin in seiner Betäubung aufsuchte, bestätigte, daß er die lautere Wahrheit vernommen.
»Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lüge!« sagte Cölestin verstärkt: »Er hatte ja eine Frau! –« Der Wirth lächelte. Sein Töchterchen sah mit unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und die seinen füllten sich mit Thränen. Mit zerrüttetem Gemüth verließ er den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony verschollen – bis wir den Schall seiner Ankunft hören, und das, was er zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß.