Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden sogleich aufgelös't, Mitternacht war bereits vorüber und also der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien für ihn anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren erster Anblick ihn überwältigt hatte. – »Jetzt –« sagte Cölestin, und sein Blick drang tief in die verfallnen Züge des Freundes ein, als suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, »jetzt, wo ich den Ton Deiner Stimme höre, klingen Saiten in mir an, die lange unberührt geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist mir, als wäre es eine Lüge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht vorenthalten. Man sagte, Du hättest Tony geheirathet – Tony von Schütz, die ich liebte, die ich Dir anvertraute.«
»Da hat man Dir ein Factum berichtet –« antwortete Jener, und lächelte kalt. »Sylvius!« rief Cölestin mit lodernden Augen, eine Flamme der Beleidigung schlug durch sein Herz.
Und Sylvius sprach: »ich war prädestinirt, Dein Retter zu werden – um jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schützen; Wer ist der Mensch, der es wagen dürfte, sich der Täuschung für überlegen zu halten? so warf dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.«
»Das Einzige bitte ich,« entgegnete der Administrator, »sage mir Alles unumwunden; es ist mir, als könnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.«
»Das darfst Du auch nicht,« erwiederte der Freund mit schmerzlicher Stimme. »Verrath war meiner Seele fern. Niemand haßt Falschheit, das Schnödeste was ich kenne – aufrichtiger als ich, und doch mußte ich diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf nun frei um mich blicken, und sehe, daß ich allein der Getäuschte war – daß ich allein bin.« Cölestin reichte ihm schweigend die Hand. »Ich will Dir meine ganze Seele enthüllen –« fuhr Sylvius fort, »wenn anders ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen Fäden aufzufassen, aus denen sein Verhängniß besteht. – Du weißt, daß ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich übler Vormeinung gegen das Fräulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich Dich nicht gönnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn jeder Blick ihres schönen Auges ein Sonnenpfeil wäre. Diese feurigen Augen aber zogen Wasser – ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand das Mädchen so einfach betrübt, so schweigsam und unabsichtlich, daß ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gänzlich irren können. Das Betragen des Fräuleins sagte meiner Stimmung zu; daß mich Tony wenig oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff würde selbst das kühle Interesse des Beobachters mit einer Art von Abscheu – der Ausdruck ist hart, aber wahr! – von sich abgewendet, und mein Urtheil vollends verhärtet haben. Ich trug einen Talismann in und auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schönheit, gegen buhlerische Künste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schläft – das Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all mein Glück war mit ihm eingesargt. Die früher empfangene Nachricht hatte sich mir damals bestätiget, daß die Seele meiner Seele, das Weib meines Herzens gestorben sey. Die Welt wußte nichts von diesem Verhältniß und daher auch nichts von meinem Schmerz; was weiß die Welt von den eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin ich unzugänglich für Alles war, nur nicht für das Unglück. Dich, Freund! hätte ich vor dem längsten wahren mögen – und Tony fand das kleine Pförtchen, und schlüpfte durch Mitleid in mein Herz. – Eines Morgens lese ich Briefe, in Wehmuth aufgelös't, daß dieser himmlische Geist, den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrückt ist. Da klopft es an meine Thüre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel, gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich öffne, das Fräulein steht draußen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist blaß, der scheue Blick niedergeschlagen – ich darf vermuthen, daß sie mir etwas Außerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie könne sich auf keine Ruhe einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenängsten schwebe. Dies sagt sie mit gebrochner Stimme und bricht in heißes Weinen dabei aus. Ich bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen könne. Sie sah mich an mit thränendem Blick – dieser Blick rührte mich unbeschreiblich. Im Leiden ist Wahrheit – dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schön wäre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Fräulein! sagte ich, und meine Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies führt mich zu Ihnen, antwortete Tony; drüben bin ich bewacht und darf mit keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie für einen Ehrenmann – war es doch grade, als wollte ich sagen: Ehemann? – wenn das nicht, würde ich mich wohl über alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem Zimmer aufzusuchen? – Das Mädchen hielt mich also für verheirathet. Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, daß die Wahl ihres Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun ihre Bedrängniß. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht plötzlich so dringend in seinem Werben geworden, daß die Nichte zagte, er mögte ihr im Umsehen den Brautkranz mit tölpischer Hand auf die weichen Locken stülpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante begünstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schütz hatte gedroht, ihr Vermögen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe, und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, daß er seine Hand von ihr abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nähme, oder den ihm verhaßten Rival vorzöge, und die Tante hatte öfters Schlaganfälle. – So war Tony in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er zerreißt. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte sich krank geärgert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeußersten gebracht, war in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluß gekommen, zu entfliehen. Sie kam, mich um eine Männerkleidung, wie um meinen Rath für mögliche Fälle zu bitten. – Du kannst denken, Freund! daß ich über diesen kühnen Einfall erschrak, und ihn dem Mädchen auszureden suchte. Das schöne, blühende Geschöpf, landflüchtig! ich schilderte die Gefahr dieses Wagnisses so entsetzlich als möglich; doch Tony blieb hartnäckig dabei, sie könne es länger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine Mittel sind erschöpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu geängstet, zu längerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer, so oder so. Fräulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fähigkeit entwickelt, Ihren Drängern die Spitze zu bieten. – Ach! versetzte Tony: Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf mich eindringt; hätte ich mich nur ein Jahr noch behaupten können – ich dachte, sie wolle damit sagen, dann würde ihr der Ersatz durch Dich gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein anderer Name wäre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schütz meines Wappens, der ohne Unterlaß auf mich anlegt, würde zum Schutz für mich, könnte ich ihn tauschen. – Selbst eine Scheinheirath würde ich als eine wahre Erlösung betrachten können. Das Frauenhäubchen wäre mir Fortunatus Wünschhütlein, und ich könnte mich versetzen, wohin ich wollte. Ein Mädchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hölle umschriebe. Freilich, auf jede Brücke mögte ich nicht treten. – Ein dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war mein Dämon, der mir die verfängliche Antwort eingab: Fräulein! wenn sich nun ein Mann fände, den Sie der Hoffnung würdigten, auf diese Weise Ihr Retter zu werden, was dann? – Dann, sagte Tony: verspräche ich, ihm das Leben so sauer zu machen, daß er froh und gewiß seyn sollte, mich nach sechs Wochen wieder los zu werden; wir würden uns einmüthig über die Scheidung bereden. Ich aber wäre selbständig, und dürfte mir keine Unbill mehr gefallen lassen. – Diese Idee faßte mich; lasse Dich aber den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! – Wisse, Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu scheinen, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhältniß, wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glück. – Fräulein! sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brücke mögten Sie nicht treten? die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft. Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe, und wie Du an ihrem erwiedernden Gefühl gezweifelt, und weshalb Du geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lächelte, reichte mir die Hand, und sagte: ich überlasse mich Ihnen gänzlich. – Ich wußte nicht, wie mir geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm. Welche Reihenfolge von Gedanken schloß sich dem Fragezeichen an, bei dem ich aufgehört? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht? – Ich weiß nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, daß Niemand größere Gewalt über uns übt, als Wer ein früheres Mißtrauen in uns überwunden? – Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige Tücke dieses Mädchens bewußt, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle Scheu, ein unwürdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen bekämpften mein sträubendes Gefühl. Wie viele erbärmliche Motive schließen nicht täglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschluß entspränge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese höchsten Güter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lösen und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wüster Traum, den ich mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will, daß ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schütz sagte mir ohne Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurückhaltung der Schicklichkeit. Man hielt mich für reich, um eine Bürgschaft für meinen Character, für alles Wesentliche kümmerte sich die Tante nicht, und mir blutete das Herz, daß die arme Tony so waisenhaft verlassen wäre von mütterlicher Fürsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede auch nicht, es schien, als ob Frau von Schütz eine gegenseitige Neigung zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er stürbe, Ihr Onkel, Fräulein, sagte ich, so wäre ein Grund gehoben – gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, daß Sie Sich meiner annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen Verhältniß befangen, um es noch durchaus beherrschen zu können. Noch benahm sich Tony mit jener Subtilität gegen mich, deren ich auch bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flüsterte Tony mir zu, in welcher Kürze unsere Trennung zu beschleunigen wäre. – Ich sollte sie unter dem Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch–. bringen, wo eine Gespielinn ihrer Kindheit glücklich verheirathet lebte; dort wären wir weit genug, meinte sie – um unser Scheiden in eine Nebelferne einschleiern zu können. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete schwül, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an. Ein ängstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich ergriffen, ein Zustand ängstlicher Betäubung ließ mich nicht mehr festen Fuß fassen auf irgend einem vernünftigen Grunde. Doch lasse mich kurz seyn – Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.«
»Ha! ich ahne –« sagte Cölestin, der bis dahin regungslos zugehört. »Nein, es kommt über Erwarten –« fuhr Sylvius fort, »höre nur weiter! Frau von Schütz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber trauen zu lassen, weil man nicht wissen könne, welchen Ausgang die Krankheit ihres Bruders nähme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab, unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfuß, die Tony, wie schwer lasse ein Mädchen sich hüten – unter der Obhut eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pöbelhaft die unverschämtesten Schmeicheleien sagte. – Tony hatte mir entdeckt, daß sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hübsches Capital gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jährchen zu leben gedenke. Es war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mißfiel; doch auch dies Mißfallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu bevortheilen, mußte Zeit haben, um nachzuwirken. – Auf Tonys Anstiften gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die Schonung für seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. – Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Bräutigam, der Aermste von Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur, innen verneinend, wie die Juden – ich gab Tony einen falschen Namen, denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dämmerung abreisen. – Ich hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefühlt; die Wiege des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn. Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frösteln und Ziehen durch meine Glieder, und die Füße zitterten mir auf der weichen Decke. In welche phantastische Welt schien der schöne stille Mond! ich drückte die Augen zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief sanft an meiner Seite. – Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem Bewußtseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Gebälke eines ländlichen Stübchens; ein starker, betäubender Geruch von Moschus wirkte auf mich ein. Tony saß auf einem roth und blaugemalten Schemel in meiner Nähe, ein dicker Mann stand vor ihr, und großäugig schauete sie zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stieß einen Freudenschrei aus, und stürzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt – wünschte mir mit fetter Stimme Glück: ich hatte dreizehn Tage in einem Nervenfieber gelegen. – Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken Sie nächst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. – Tony, sprach ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie für mich gethan, es ist nun der Güte genug. Denken Sie an Sich, an das eigene Wohl – ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony: das wäre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt, daraus ich mich nun nicht mehr verdrängen lasse. Und wenn Du mich noch einmal Sie nennst, so sage ich dem Doctor, daß Du noch immer phantasirst, mich nicht erkennst für Deine Frau, und die Cur geht von Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fühlte mich Tony nun wirklich verbunden. Lust des Lebens und der Liebe wallte wieder auf in meiner Brust, meine Seele strömte gegen die ihre. Sie setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie überwältigte mich durch trautes zärtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln.« – Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: »Freund! spricht keine Entschuldigung für mich an? versetze Dich an meine Stelle. Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trübte. Allmählig ging mir der Gedanke auf, daß eine geheime Leidenschaft meine Handlungsweise geleitet hätte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur dem Drange der Umstände zu weichen glaubte. Jetzt mußte ich an meiner Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war mir selbst ein Räthsel geworden und wünschte aufrichtig, der Tod mögte es lösen. – Aber ich genas; nur ein krankes Gefühl innerster Schwäche vermogte ich nicht zu überwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele, Freiheit und Kraft lagen hinter mir – und ich meinte dieser Schwermuth zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn würde? nirgend! sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den väterlichen Greis einsam wußte. Ich wollte ihm Tony als Tochter zuführen und den Heerd meines Glückes häuslich bauen. Mein Arzt forderte, daß ich mich nicht übereilen sollte, auch meine Kräfte forderten das. – So verließen wir das Dorf, wo ich an einen denkwürdigen Abschnitt meines Lebens gekommen war, und zogen unsere Straße. Eines milden Abends im Frühherbst gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah man eine Stunde davon entfernt, einen berühmten Brunnenort liegen, und ein bläulicher Duft, wie von den Stahlkräften der Quelle aufsteigend, webte geheimnißvoll um die glänzenden Gebäude. Das nette neue Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung, in den Reiz der Ruhe eingehüllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs, saß und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrüge, in denen die Sonne funkelte, war aufgepflanzt. Gegenüber lag auf Felsen erhöht ein altes Schloß von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war köstlich, ich äußerte mich begeistert über diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei! so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! – O! hätte ich Lethe getrunken! – – – Wir blieben da. Ich saß im Garten und starrte hinüber nach dem Schloß. Der linke Flügel nur schien bewohnt; ein Fenster stand offen, und der Wind blähte die weißen Gardienen. In diesem Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich fühlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlüpften in die Falten des kleinen Segels, und schifften über das liebe stille Meer der Ahnung. Tony kam und sagte: ich säße gleich dem Ritter Toggenburg – und sähe so blaß aus wie eine Leiche. Sie war so zärtlich, wie noch nie. Ihr Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhältniß der Leidenschaft befand, gedemüthiget, mein Recht verleugnen zu müssen vor den Menschen; in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich riß, fühlte ich mich einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich geliebt. – Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flüsterte mir süße Worte der Besorgniß zu. Ich scherzte, sie würde sich zu trösten wissen, wenn ich auch stürbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige könne der Stütze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. – Tony schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstärkter Stimme, indem ich sie an mich drückte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine Lücke, die nicht irgend womit ausgefüllt würde; kein Gestorbener, käme er wieder, und wären tausend Thränen um ihn geflossen – fände mehr Raum in der Welt, die so drängend ist im Ersatz. Die Geschichte jener lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nächtlicher Stunde und vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen wollen und für eine blasse gespenstische Lüge halten, so daß sie wieder zurück muß in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlässig, und nur der Lebende hat Recht. – Als ich dies sagte, überrieselte mich das leise Geräusch naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weiße Gestalt geht, nein, schwebt hurtig an uns vorüber, so daß ihr langes Kleid die Grasspitzen hörbar tüpft. Sie wendet das Gesicht vom grünen Schirm des Hutes magisch entfärbt, nach unserer Gruppe – ich hielt Tony umfaßt. O! ich kannte dies bleiche, schöne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel –: es war meine Frau.«
»Allgerechter Gott!« rief der Administrator, als gäbe ihm die Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, »und Du irrtest Dich nicht?«
Sylvius lächelte. Dies Lächeln, ein Schattenriß jener Vision, schnitt seinem Freunde in die Seele. Er sprach: »ich sage Dir, bei dem lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrem Gürtel klirrte, da sie in achtloser Eile über eine Baumwurzel strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weißen Hand, die lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen, die von meinem Herzen abgeträufelt wären. Frage nicht, wie mir gewesen; ich weiß nichts von jener Zeit. Tony glaubte, daß ich mir einen Paroxismus durch Erkältung zugezogen hätte. – Wer war die Dame? wo ist sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zähne schlugen an einander. Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar Brunnengäste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese würde es wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Geräusch nicht lieben, und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde für Furcht halten. – Die Nacht kühlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da läutete ich schon an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wächter that mir auf und schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstücke, welches ich ihm vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen, sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Gräfinn unpaß. Also krank! dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekränkt bis zum Tode. Und als die Thürflügel hinter mir zufielen, fühlte ich mich von jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos ließ ich nun Tony über mich verfügen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen – ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz hätte mir die Brust gesprengt. In der nächsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwürdiger Mann, der mir Zutrauen einflößte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen Arzt, der mich so früh in der Reconvalescenz nicht hätte reisen lassen sollen, und meinte, nun müßte ich acht Tage Quarantaine halten: ich bedürfe Ruhe. O Gott! – Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter sehr ähnlich sähe, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tödtlichen Stoff herzugetragen. Wie rührend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! – Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gönnen, und während unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke, Tony, die ich besser nicht aufgehoben wüßte, bei ihnen zu lassen, allein in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine Frau gingen mit Vergnügen darauf ein. Ich athmete freier und fühlte mich erlös't, da ich im Wagen saß. Der Unglückliche, allein neben Andern, findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer Gefährte. Mein alter Vater empfing mich mit großer Rührung. Er kannte den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verändert. Ich wagte es, ihm mein Unglück zu bekennen. Es floß eine große Kraft von ihm aus – und sein sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte er: Du hast ein gefährlich Spiel gespielt, und ich fürchte, Du hast es verloren – finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir finden. Ein Zurückgehen in seine alten Verhältnisse ist dem Menschen immer unmöglich, jede Stunde reißt uns von der vorigen ab, und der zerrissene Faden einer Fügung läßt sich nicht haltbar wieder anknüpfen. Gott fügt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. – Wie oft hatte ich dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, daß ich ihm Tony brächte. Wir wollen sehen – sagte er mit bekümmertem Blick. Ich will Tony also holen. Auf der Straße jener Stadt begegnet mir mein alter Doctor. Er erkennt mich bestürzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglück vorgefallen? ich frage: wie so? – Tony war seit fünf Tagen fort, vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, daß ich mein Versprechen unmöglich erfüllen könne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas. Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, daß wir ihn aufbewahren sollten, bis daß er abgeholt würde; dieser Umstand ist uns sehr aufgefallen. – Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen überzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie mir nicht länger beschwerlich fallen, und ich dürfte sie um so ruhiger ihrem Schicksal überlassen, als sich ein Begleiter für sie gefunden, der die Pflicht, sie zu beschützen, für sein Glück halte, und mit Freuden jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. Böslich habe sie mich nun zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde – aber ich könne immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir die unbedingteste Vollmacht für alle Fälle der Schuld, und wünsche mir, wohl zu leben. – Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zerspränge; freie Luft strömte mich an, und ich sah Alles, Alles ein!«
»Sieh!« sagte Cölestin mit einem Klange der Rede, als hätte eine lange Dissonanz sich gelös't, »so hat auch Dich diese falsche Tony nicht geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue siegt, und morgen als gedrückte Unschuld rührt. Du warst nur das Vehikel ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle gezwungen. Armer Freund! ich muß Dich beklagen und mich dazu, daß ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, daß sie Dich gepflegt, Dir Güte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fühlt, und vergießt natürliche Thränen; es liegt eine Fähigkeit in der Lüge, daß sie sich selbst für wahr hält. – Wer war denn aber das neue Opfer ihrer aimablen Kunst?«
»Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach,« antwortete Sylvius »der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten – Tony war immer progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes würdigen Paares ward getäuscht.«