Mit gebundenem Athem begann Josephine: »ich ging, wie Sie wissen, in die Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies kleine Geschäft bei dem ich länger verweile, als nöthig wäre. Dort stört mich nichts in meinen stillen Träumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen so gedrückt, so enge – als fände ich nirgend Raum für Wünsche, die ich nicht zu nennen weiß, den ausgenommen, daß ich einst in dieser Capelle ruhen mögte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht, was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem ich sie getränkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der Mond über dem Wasser schillert, da war es mir, als würde ihr todtes Auge hell, und sie spräche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen! –«

»Die Liebe, meine gute Josephine,« schaltete Schwester Veronica ein, »gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! – Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst. Es wird Dir gewiß wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und so betrübt es mich, daß Du in so jungen schönen Jahren schon an Dein Begräbniß denkst.«

Josephine sah die Nonne mit bangem Lächeln an. »Und was geschah denn nun, mein liebes Kind?« fragte diese, »fasse Dich, mir es sagen zu können. Ich will Dich zu trösten suchen, mit Gottes Hülfe.«

Das Mädchen schüttelte leise den Kopf und sprach: »als ich noch sinnend stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flüstern. Nun ist es recht besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach, als wären sie meine Geschwister, und vor Menschen fürchte ich mich? – Ich schlüpfte in den Beichtstuhl und duckte unter – es war nur ein Augenblick, ich wußte selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich Theresens Stimme im Gespräch mit einem Manne, und ich merkte sogleich, daß es der Lieutnant Feldmeister wäre. Sie redeten höchst vertraut. Hier sind wir allein – sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, daß die wächserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wäre ich, wenn man uns hier zusammenfände. – Sie machte ihm hierauf zärtliche Vorwürfe über seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten müssen Sie mich hören! betheuerte er, und – o Veronica! was läßt sich in ein paar Minuten sagen! ich meine, Therese hätte ihr Lebelang darüber zu denken. Sie lieben sich – sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau eines andern Mannes! – Wenn das der redliche Major wüßte! und – und – der Unglückliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte, dann müsse sie sein werden, und wäre sie mit Ketten an dem Himmel geschlossen. Ich habe nicht gedacht, daß ein Mensch so reden könnte – jedes Wort war ein Funken, der zündete.«

Schwester Veronica sah mit bekümmertem Blick die brennenden Wangen des Mädchens, und seufzte tief, daß diese fromme Unschuld Zeuginn solch einer leidenschaftlichen Scene gewesen. »Den armen Constanz verurtheilte er –« fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung fort: »und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gönnte er das Glück ihrer Nähe nicht, ihm, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich weiß das am besten. Dann sank er ihr zu Füßen – dann küßte er sie – o Gott!« »Er küßte sie!« wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie der Kuß eines Mannes geblüht. »Du armes Kind! ja, das mag eine Angst gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entblödeten sie sich dieser Sünde nicht! – Und der junge Mann scheint sonst ein liebenswürdiger Mensch.«

»Ach! ich bin dem Lieutnant böse –« sagte Josephine, »das ist nicht edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann muß seine Leidenschaft bezwingen können. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich jener alten Dame angenommen – Sie kennen die Geschichte –! nun aber verfällt er selbst in ärgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich so tapfer schlug, daß die Schwäche des Alters in Ehren gehalten würde, kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Würde einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwächer ist. – O! das ist nicht löblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.«

»Du hast ganz Recht, mein Töchterchen,« antwortete die Nonne, »und Gott behüte mich, daß ich beschönigen wolle, was sich nicht billigen läßt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethört, sich selbst entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, daß sie gleichsam nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist für dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese Zusammenkunft?«

»Ich seufzte zu Gott,« sprach Josephine, »daß ich erlöset werden mögte, und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Geräusch um das Flämmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich zitterte an allen Gliedern und mußte mich erst erholen. Wer aber hatte mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch war es mir, als hätte man ein tiefes Gefühl in mir verletzt.«

»Wo die Tugend leidet,« versetzte Schwester Veronica, »da leidet eine reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist groß. O mein Kind! Treue ist unser einzig Glück auf Erden! selbst den Nichtliebenden rührt sie mit einem zärtlichdauernden Gefühl, was sich erwerben läßt. – Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz – sie ist ein Strahl der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen Theresen bedauern. Sie macht Keinen glücklich, und sich am wenigsten. Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll seine Frau vor ihm stehen?«

Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften, entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: »Gott senke Kraft in Deine junge Seele, an der Liebe des Nächsten zu halten, denn nur, Wer beharret, merke Dir es, mein Mädchen – der wird selig! –«