Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fühlte das treueste Herz schlagen. Sie schämte sich, entrüstet gewesen zu seyn, vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben – und aus der tiefsten Quelle des weiblichen Gemüths drangen Thränen, herbe und doch hoffnungsvoll, in ihre milden Augen.
Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der höher steigenden Sonne bestrahlt, glänzte wie eine weiße Glockenblume mit goldnem Kelche zwischen dem aufgrünenden Frühling. Im Stifte selbst sah man den schönen Tagen, die nun kommen würden, mit drängender Erwartung entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das große jährliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen über das sonniggetrocknete Linnen ausgoß, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit, der beste Beweis von dem beständigen Wetter in der Laune der guten Hausfrau.
Schwester Veronica, bedrängt von jener heiligen und tiefen Wehmuth, die sich ihrer sanften Schmerzen schämt, schlich jetzt manchmal im Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weißen Gewande zwischen den Gräbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille Göttin der Todten zu sehen.
Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief: »da liege, daß du berstest! ich habe es nun satt, und will gesund sein!« Er schritt herzhaft einher. Die großen Fenster waren geöffnet, die Thüren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr Prälat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit einer Donnerstirn von einem Flügel zum andern, und blitzte hier und da heftig zu. Ein thatenlustiger, rühriger Geist war in den Administrator gefahren. Er sträubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte Ruhe, die seine Kräfte bisher unterdrückt hatte, gegen die Pflege der Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maßregel ihrer Vorsicht für unnütz erklärte. Sie meinte nach Art einer erzürnten Prophetinn: dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich und sagte leise: »Er ist jetzt um Vieles besser.«
Therese ließ ihren Schwager gewähren. Sie ging spazieren früh und spät auf geheimnißvollen Wegen, und nicht selten brachte ein Führer die Verirrte zurück. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wörtchen über diesen entschiedenen Müssiggang. Sie wärmte geduldig das Essen, wenn Therese die Stunde der Mahlzeit versäumte, doch keine begangenen Fehler mehr auf. Fabia wußte vielleicht, daß Theresens Seele unter einer größeren Last arbeitete, als früherhin ihr Leichtsinn und ihre Lässigkeit Andern aufgelegt hatte. –
Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spät nach Hause kam, die Hände voll selbstgepflückten Veilchen, sah sie einen ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie eine große Mondscheibe durch das Dämmern des Frühlingsabends leuchtete. Sie stieß einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke, als stieße er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und stürzte außer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen. Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet. Sie rang die Hände um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe, wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen beschüttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und drückte heiße, langentbehrte Küsse auf ihren krampfhaft lächelnden Mund. Die Familie war versammelt, auch – der Zufall hatte es gefügt – Major Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der näheren Theil an diesem Ereigniß nähme.
Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders auffallend verändert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebräunt, seine scharfausgeprägten Züge hatten den Schmelz der Jugend, und den liebenswürdigen Ausdruck unbewußter Herzlichkeit verloren. Staatsmännisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief eingedrückt, und über seine Stirne eilte ein Gewölk von Sorgen, wie getrieben von einem innern Sturm.
»Meine Therese! mein einziges Weib!« sagte Constanz mit einer Rührung, die ihm schön stand: »Du bist bleich und ein wenig abgekommen – Du hast Dich wohl um mich geängstet? Du bist mir nicht böse? Du machst mir keine Vorwürfe? diesen gütigen Empfang habe ich nicht verdient.«
»Ich mache Dir keine Vorwürfe –« antwortete Therese mit gepreßter Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich so fragen müßte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus. Constanz schien über diese äußerste Wirkung der Freude betroffen. Er hielt seine Frau für krank.