Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und sprach leise zu Schwester Veronica: »wie ist dies möglich, so falsch zu seyn gegen die redlichste Liebe? – Wenn ich Theresen in den Armen ihres Mannes sehe und daran denke, daß vor kurzer Zeit –« Josephine schauderte in sich hinein.

»Das mußt Du zu vergessen suchen –« flüsterte die Nonne, »mir kommt diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese könnte jetzt getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzückt betrachtet! und sähe es tiefer auf den Grund ihrer Thränen, es würde sich wohl lieber schließen für immer.«

Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nächsten Frühe ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mußte bereit seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch über diese Kürze. Fabia erbot sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um nichts kümmern, und ihr Glück genießen. –

Der Administrator lächelte. Er wollte den Worten seiner Schwägerinn eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese ließ sich zum erstenmale nicht von der thätigen Fabia übertragen. Sie rüstete Alles selbst zur Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen Genuß des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermüdet, und der ältere Bruder machte ihm freundliche Vorwürfe, sich und den Seinen mindestens nicht einen Tag der Rast gegönnt zu haben. Und Jener sprach: »ich bin an diese erschöpfende Eile gewöhnt, und daran, die Erfüllung meiner Wünsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berühren.« Endlich zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorüber. Noch blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen schönen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versäumen.

Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte. Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreißen. Dann küßte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die bethränten Lippen. Nun umarmten sich die Schwägerinnen und Therese sprach: »denke meiner nicht in Groll – ich habe Dich oft gekränkt, Fabia!« die Stimme erstarb in Schluchzen.

Und Fabia erwiederte: »still davon, Therese! auch ich habe gefehlt. Wir scheiden in Frieden, und der Herr geleite Dich!«

Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, an den alten Feldmeister und die Uebrigen. Dem Major reichte Therese die Hand, und drückte die seine inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon für Wen? – Ihrem Gemahl dauerte dies Valet zu lange. Er hatte das seine in summarischer Kürze abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung war: man müsse den Schmerz solcher Scenen verkürzen, ja vermeiden, wo möglich; aber die Weiber ließen sich keine einzige Thräne unterschlagen, die sie mit Fug und Recht vergießen durften. Sprach's, und schob seine Frau mit einem schmerzverachtenden Lächeln in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat an; die Offiziere verbeugten sich unwillkürlich dienstmäßig, die Nonne schrieb ein Kreuz in die blaue Luft, Constanz winkte herzlich – und der Postillon stieß in das Horn, daß der schmetternde Hall von den Wölbungen des Klosters wiedertönte. Dieser Ton fand ein geheimnißvolles Echo in der tiefsten Seele des Administrators und ein Grauen strich über seine Nerven. Es erschütterte ihn dieser Klang, wie jener, als er am Sterbebette des Vaters den Bruder die kleine Trompete blasen hörte. – Und als der Wagen nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift weit und weiter zurückwich, die Gehöfte von Sanct Capella verschwanden, nun auch das letzte Häuschen vorbeigeflogen war, und jetzt der Horizont über der erwachenden Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da gedachte Constanz an die Worte der Gesandtinn: er würde einst mit Extrapost in den Himmel fahren.

Ende des ersten Theils.


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