Die Gräfinn war nicht da – und als ihr Vater unverrichteter Sache in seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen, worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund – schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine kleine verwelkte Rose. –

Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!« sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun – und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck – nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses –« hier lächelte der Graf düster –, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«

Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben –« versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.

Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht gekleidet! – Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«

Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.

Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. – Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers, setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme: »ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher – nun der Himmel weiß es – wie sauer er mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine Weltlast, die immer schwerer würde. – Ist denn das Kästchen wirklich so schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge – ich kam mir wie ein Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«

Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte, und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht fallen.«

Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe; und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht, sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe – pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um das Licht flirren. –

Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. – Gegen den anbrechenden Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet meine Seele! – wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck –« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.

Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle – wendete Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick; stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch widerwillige – Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.