Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen, und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung gesträubt. – Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt – er wußte nichts. Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden Novize geläutet wird – auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? – Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren Lippen Weihe und Wonne. – Als hätte eine schützende Gottheit einen Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt. Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben; wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? – Das Bedauern für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen haben würde – und nachsah. Die Natur gab diesem Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der Welt, und in diesem Vorzug – dieser Begriff gelte für jene Umstände – fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich hinweg. – So waren Jahre verflossen. Das Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig nachließ. Sie ward endlich sicher.

Aber die Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt – ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. – Ein kränklicher Gram zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz geht ganz alleine seinem stillen Kummer nach –« Albane verkannte, daß der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. – Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, eine nur – tröstend hätte wegküssen dürfen. –

In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! – Um den eingefallenen Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. – Fuhr die Gräfinn des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward es helle. – Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen das Herz. – Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen zu können glaubte. – Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange getragen.

Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen – er fühlte sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.

»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur die glückliche Liebe hat nie genug – da dachte ich an Dich.«

»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache ich mich ansehen muß – ich bin nicht im Stande, Dein Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und mir.«

»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost, das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. – Und damit Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«

Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.

Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. – Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude, daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. – Er hob bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.

Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von ihr zu fordern.