Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.

Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier! eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.

»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes. Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders – er ist so wenig froh – so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von diesem Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.

»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei dem Einen: dem Heiland? – Wie still ist die Seele, die Ihn liebt! Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren; ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen gehorchen.«

Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl eine Frucht gereifter Jahre seyn.

Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, er selbst es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen können.«

Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als genösse sie das heilige Abendmahl.

Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß – wie vielen Kummer ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr lösen wolle! – Was ihn hält und härmt: ich weiß es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten Freunde! –« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust – Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken. »Entlassen Sie mich –,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.« Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.

Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. – Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen. Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis dahin dauernd zu erhalten.

Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung gehorcht.