Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsäglich schwer. Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und daß sie sich nicht selbst genüge, ward ihr klar in Thränen, die sie heiß und heimlich weinte. – Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages über ein, weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe sträubte, aus Furcht, in Bewußtlosigkeit zu versinken – so lauschte Albane, wie tief und stöhnend er athme. Ihr Blick hing bewölkt an seinem grauenden Haar, an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt – und ihr Gefühl hatte keine Stütze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen Wedel von Pfauenfedern schwingen, daß die summende Fliege ihren Vater nicht belästige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu, und einschläfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein träumendes Vergessen. –

Niemals kamen Gäste in das Schloß zu Bonna, niemals! Auf der breiten steinernen Brücke, die zu seinen Thoren führte, wuchs Gras, als hätte ein altgläubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch leer und öde, nur die Zeit wohnte darin, und nützte den Glanz der Möbeln nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen. Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die junge Gräfinn nie und nirgend etwas zu thun. – Der Tag zu Bonna und seine Glocke war ein Tonstück von ganzen Noten und großen Pausen. Tanz und Musik, die kirchliche ausgenommen – waren Freuden, welche Albane nur dem Namen nach kannte, und manchmal wünschte sie wohl, die Horen mögten ihr die Pforten des Himmels öffnen, daß Alles zu Ende wäre. Sie thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. – Die Weidenflöte, das Geläut der Heerden, der klingende Tropfenfall des Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde, dies Alles regte eine sehnsüchtige Wehmuth in ihr an, einen wollüstigen Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzücken. Einst fand der Graf seine Tochter, wie sie das bethränte Gesicht an den Blättern einer dunkeln Laube trocknete. Erschrocken fragte er: »Du hast geweint? Was fehlt Dir, mein liebes Kind?« Albane antwortete überrascht, »die Freiheit, mein Vater! ich fühle mich so beengt.« – Es war einer der lichten Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wären, belebte und erhöhte sich ihr ganzes Wesen. In dem großen, kalten Schlosse war es wie Frühling geworden. Die zarte Wange der jungen Gräfinn, sonst nur schwach gefärbt, war eine glühende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im Abglanz ihres Blickes zu lächeln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte sie nur, kein Unfall berührte sie mehr, alle Gesichter erheiterten sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters blühete eine kleine kümmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit seines himmlischen Kindes auf.

Es ist bereits früher erwähnt worden, daß mehrere Anwohner dieser catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehörten jener religiösen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein schätzbarer Oekonom. Der Geschäftskreis, den er mit der besonnensten Umsicht versah, war groß, der seines Familienlebens hingegen klein. Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewählt, eben so sicher zufriedne Tage zählen, als dieser, von dem kein Error zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. – Die junge Gräfinn, obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrücken: einer höheren Hand – die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein Gefühl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre früher eine herzlichgeliebte Freundinn verloren – unsere Leser kennen die Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft – und vielleicht war es ein sanfter Nachhall jenes erschütternden Ereignisses, vielleicht ein noch innigerer Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der Ruhe und Rechtmäßigkeit – wenn wir so sagen dürfen – womit sie sich bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, daß Verlaß auf Fabia zu setzen, und konnte sich des stillen Zugeständnisses nicht erwehren, daß, in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen sey. Ein festes weibliches Herz, dachte die junge Gräfinn, wäre vielleicht ein größeres Glück als Eigenthum, wie als Geschenk – und dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie könne einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. – Fabia sprach gelassen von der nächsten Zukunft, in der ihre Heirath vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rücksicht auf das Größte wie auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen könnte, da sein Kind ihn verlassen müsse, um dem Manne zu folgen – daß Albane auch dies vergleichungsweise bemerkte und fühlte. Sie galt für eine Braut der Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart erfüllte ihr Herz – eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht, und an das Künftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen zu der des Oberverwalters gestanden, nämlich so zu nennen – man sagte die Comteß kränklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war beinahe von Niemand mehr gesehen.

Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. – Ein wenig fraulich hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst – die frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. – Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß Albane kaum mehr zu kennen wäre. – Sie saß an dem einzigen Fenster eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten. Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit – es war im August – einen weiten Mantel von Seide. – Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? – Zwar hatte man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar würde – die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab, das sie für ihren Liebling fürchtete –: aber diese matte Blässe, diese kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.

Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. – Darauf trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken, mit jeder – selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht –« hier stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gnädige Herr Graf –« Albane nickte, und Fabia fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da verfehlt gewesen seyn – damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab – und der Himmel ist mein Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er sich so sehnlich ein Kind – und es wäre hart für mich, wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte.«

Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt, überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.

Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine Weile mit Wärme fortgesetzt – dann ging Fabia. Später hörte man von ihr und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.

Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn, die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach – sich die Thüren der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. –

Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach: »wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben glänzte im Schein der sinkenden Sonne.

Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen überfloß. – Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte, daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde, tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt, deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater, liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen vertreten! – Was sollte aus meinem armen Freunde werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? – Und wenn das so fortgeht – –« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der Semiramis zu gleichen schien.