Wenn man annehmen darf: daß die Freundschaft durch ein verjährtes Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird – so wie durch lange Trennung verinniget – so spricht die Erfahrung dafür und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit, Lebenssinn, Erinnerung – könnten zwar als eine feste Grundlage freundschaftlicher Verhältnisse angesehen werden, doch nicht unerschütterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstände. Die einzige Basis des Bestands ist ein tiefes Gemüth voll göttlicher Kraft der Liebe!
Allmälig hatte Romana sich seinem unglücklichen Freunde entfremdet, und es war so unmerklich geschehen, daß ihre Seelen sich wie aus weiter Ferne kaum mehr verstanden, als ihr äußerer Verkehr, besonders von Seiten des Forstmeisters – noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als der Graf sich in sich selbst zurückgezogen, war ihm auch das Nächste, sein Kind ausgenommen – gleichgültig geworden. Er vermißte Romana nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang saß er allein, und flüsterte so anhaltend, daß die Bedienten oft lange warten mußten, ehe sie ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der fortwährenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dämon. Daß er gestörten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimniß der Achtung, doch Jedem klar.
Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam beschäftiget. Er band die Blätter einer Espe mit grüner Seide an die Zweige fest, der Knäuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger eingeschnitten, lag im falben Grase und glänzte in der Sonne.
»Gott grüße Dich, lieber Frankenstern!« sagte Jener, »was machst Du denn da?«
Der Graf lächelte und sprach: »ei! ich binde mir die Blätter ein wenig fest, dies Zittern ängstet mich, so oft ich es sehe. Ich weiß, wie Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lüftchen bebt: die Furcht ist das entsetzlichste Gefühl.« Und indem er emsig in seinem unheimlichen Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: »dann – Dir will ich es wohl sagen, Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Blätter fallen, und liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehäufte Leichen – manche haben ordentlich Physiognomie –« Der Forstmeister sah voll Mitleid in die seines Freundes. »Den Schmerz der Natur,« sagte er mit dem tiefsten, »wollen wir ihrem Schöpfer überlassen. Dieser Faden, Du Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frühling gesehen, das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Kränze von Laub und Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen? –« Er umschlang den Freund, und weinte vor großer Rührung.
So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick seines Töchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese zärtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene Frau getheilt. – Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung, entwickelte sich zart und schön. Die Natur war ihre Gouvernante, und welche Bonne bildet so gut als sie? – Ihre Sprache hatte den reinen Klang des Gefühls, ihr Gang war ein leichtes Schweben über gemeinen Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten hätte weder die Stiftshofmeisterinn eines Fräuleins-Instituts heben, noch die gutmüthige Plumpheit der Amme unterdrücken können. –
Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete, sprach oft von seiner künftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung für das junge Herz, und es mischte sich in ihnen religiöse Ehrfurcht, mit dem Schein von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glückes zu täuschen seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die kleine Gräfinn mit den Würden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein Bedürfniß, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das Verlangen und die Fähigkeit zu lieben. Während die Amme wähnte, sie baue möglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das Kloster verhaßt, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstößlich gewiß, daß seine Tochter Profeß thun müsse –; doch den Zeitpunkt dazu glaubte er hinaus schieben zu dürfen, wie weit? dies wußte er selbst nicht, und es dämmerte ihm vor den Augen.
»Wie könnte ich Dich nur verlassen, mein Vater?« fragte Albane ihn in bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fühlte dann selbst die Unmöglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu können. Mehr als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Gräfinn nicht, um an ihrem Ziel zu rücken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater recht kindlich zu sagen, daß sie doch lieber den Brautkranz wie den Schleier trüge, wenn sich nämlich ein Mann für sie fände, der sie nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte – war der Graf in einen fürchterlichen Zustand gerathen. »Soll ich auch des Todes sterben, wie Deine Mutter?« hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. »Es war mein Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mögtest glücklich werden; aber ich bin nur elend deshalb geworden. Mögte wohl ein Vater sein Kind zu lebenslänglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung des Lebens gälte? – Aber es giebt einen Schlüssel zur Freiheit – –«
Geistig Gestörte sind wie Inspirirte zu betrachten. »Der Schlüssel zum höheren Leben ist die Liebe!« und Albane trug ihn in stiller Brust. –
Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundsätze beider Väter waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre höchste Kraft diesen Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und fern von einander gehalten, sich innigst finden. – Jener Arzt, der die Gräfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beimaß, durch Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit vergütender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. – Und wie das, was wir bewahren, wäre es auch fremdes Eigenthum, allmählig eigenen Werth für uns gewinnt, so war das Glück nicht minder als das Leben der Comteß ihm theuer geworden. Er bedauerte, daß ein so schönes Kind dem Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschäftigkeit tastete er an diesem Entschluß herum. Albane hüthete sich indeß wohl, ihm ihr jungfräuliches Herz zu öffnen – und der Graf zeigte bei dem behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wäre, sich so erschüttert, daß der Arzt, gegen dessen persönliches Annähern er eine innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien – es nicht wagen durfte, stärker in ihn zu dringen. So begnügte er sich, dem armen Opfer noch einigen Genuß des Daseyns zu wünschen, ehe es seine düstere Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Gräfinn es so ganz ohne allen Umgang aushalten könne, und erwähnte zugleich, wie dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jüngling der nämliche Fall sey; so daß Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und künftig – rührte und regte ein Herz für die himmlische Schönheit, für das schuldlose Unglück dieses Mädchens an – ein Herz, dessen heiße Sehnsucht ein langes stilles Glühen für ein verhangenes Bild gewesen war, das sein Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. – So war der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort verstreuete, dort eines, gleich dem Träger des Saamens, aus dem die Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhältniß, auch das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das oberflächlichste bedeutend. – Nicht leicht wird ein Mädchen dieses Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimniß manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe fürstlichen Besitzthums, war ein armer verstörter Mann, mit dem der geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mögen. – Seine Tochter hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrütteten Geiste zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wäre. Wenn Albane ihren Vater ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glöckleins, was den Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich ließ, und Geschäfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die Comteß daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wußte Albane ihn leicht zu lösen. Die Bewunderung, mit der jene Männer zu ihr aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln. O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den Funken des Geistes nicht verglühen läßt in todter wüster Asche. Darum ist es unser laienhaftes Urtheil, daß Kranke dieser Art unter der verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben sind. Verstand und Kunst stützen zwar die Pfeiler, auf denen das Gleichgewicht der Seele ruht, können aber gänzlicher Zerstörung nicht immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.