»Dann fiele mir ein Stein vom Herzen,« erwiederte die Gräfinn, indem ein paar Thränen über ihre abgehärmten Wangen rollten. »Wissen Sie denn, ich werde operirt – das heißt, ich lasse mir die Brust ablösen. So begreifen Sie auch, daß dies meinem Manne verschwiegen bleiben muß.«
Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, sträubten dem Forstmeister das Haar. »Die Brust – ablösen?« fragte er, und sein männliches Gesicht erröthete in Angst; die Gräfinn erbarmte ihn unaussprechlich. »Und bleibt kein anderes Mittel?«
Ein sanftes Kopfschütteln, und: »nur dieses letzte –« war die sehr leise Antwort.
»Sie werden eines Beistandes bedürfen, arme Gräfinn!« sagte Romana dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den Grafen abwehren, und hier eine Stütze in der Gefahr seyn könnte.
Die Gräfinn lächelte; es war, als hätte die Sense des Todes dies Lächeln in ihre tiefen Züge eingeschnitten – und dem Forstmeister blutete das Herz. Sie sprach: »ich wäre doch allein, im Grausen Dessen, was mir bevorsteht; allein muß Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nöthig haben. – Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines Glaubens, Sie – doch lassen wir das. Ich halte Sie für einen redlichen Mann, Romana.« Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugniß empfangen, als dies. Er würdigte es, und die Gräfinn fuhr mit bewegter Stimme und widerstrebenden Lippen fort: »an ihre männliche und christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, daß Sie, unserer abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrängte Mutter dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich einer Schuld. Versprächen Sie, Ihren Einfluß auf meinen Mann für diesen Zweck zu benutzen: dies würde mich sterbend noch erquicken.«
Darauf erzählte die Gräfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen, was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden müsse. So sey ihr denn ein Leben in Gott als das höchste Glück erschienen, dem sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger, um sich selbst zu retten, als ihr Kind. – Die Gräfinn eröffnete nun dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, daß sie sich von einem ungewöhnlichen Anfluge ehelicher und väterlicher Zärtlichkeit des Grafen hinreißen lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelöbniß zu brechen. »Ich muß nun,« setzte sie trostlos hinzu, »den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode büßen: denn der Himmel läßt nicht mit sich spaßen. Ich bekam sofort Frost, die alten Schmerzen – es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor. So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, daß meine Tochter durch Gehorsam sühne, was ihr Vater zu sagen sich vermaß. Werden Sie es nicht hindern, Romana? daß Albane –« weicher läßt sich nicht bitten, als es in diesen Worten geschah; die Stimme der Gräfinn zerschmolz in Thränen.
Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weiße, feuchte Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne daß er eine zusichernde Sylbe gesagt hätte.
Wie überzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne nach, ein Feind der Klöster, hätte die kleine Albane lieber heute schon einsperren mögen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter geworden, daß dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der Edelstein eines Ordens würde. Vielleicht wäre die Gräfinn dennoch zu retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten, ihren frommen festen Glauben an göttliche Hülfe und an die seinige noch einmal zu bewähren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Gräfinn von ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund eben so gern secirt, als ganz glücklich gesehen haben würde – und Wir wissen, daß die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgemäß behandle. – Als nun der gefürchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor, begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der Gräfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anlaß, den die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden. Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der Gräfinn entmannte den Operateur. Verstörten Auges blickte er nach der Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher Schärfe in die Diele ein, daß ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben aufgaffte. – Die Gräfinn verlangte mit erlöschender Stimme: man solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von übler Vorbedeutung: die Gräfinn verschied am dritten Tage. –
Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er klagte sich als den Mörder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich er die eigentlichen Umstände ihres Todes nicht kannte, und nur wußte, daß sie von jenem Wortwechsel an gekränkelt hatte; die Wahrheit würde zu stark für ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekämpften ihn mit gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm kräftig bei; aber – wie sind jene finstern Mächte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst entfremden? – Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht, sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der unter dieser tiefsinnigen Langeweile gähnte, aus Furcht, der Graf könne dann früher noch in das Elend völliger Geistesverwirrung stürzen. – Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, daß er die kleine Albane unter andere Aufsicht gäbe, als die ihrer Amme. Mit jener Hartnäckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn, ob er auch unterdrückt wäre, an seinem Willen festhält, behauptete der Graf, er könne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trüge, welche seine Albane genährt.
»Und wozu auch?« fragte er mit düsterm Stolz, »meine Tochter kommt einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was sie fordert, zu bedürfen. Gott hat sie wohl gebildet – es ist nichts zu tadeln an meinem Kind.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts sagen, und Romana schwieg.