»O mein Gott!« jammerte die Gräfinn, und hob ihre Augen thränenschwer zur Höhe, »warum bin ich nicht gestorben?« Ihr Herz schlug so mächtig, daß des Kindes Händchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst wankte.
Der Graf war erschüttert; nach einer Pause sagte er: »Du wirst glauben, daß mir Dein Leben über Alles theuer ist! nur den Beweis fordere nicht, daß ich gleichgültig dazu wäre, wenn unser einziges Kind geopfert wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in einem Zustande, der keiner Zurechnung fähig ist. – Nöthigenfalls würde Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht, über das Schicksal eines Menschen also zu verfügen, auch einer Mutter zusteht, und meine, von der Sünde, es gethan zu haben, könne Jeder sich selbst entbinden.«
»Dies sind Romanas Grundsätze,« stöhnte die Gräfinn, »es ist sein Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.«
Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Gräfinn fühlte einen tiefen körperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten zerrissen. Von Frost geschüttelt mußte sie sich alsbald zu Bett legen. O! daß die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wächter ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor genesene Brust. Es half nichts, daß die Gräfinn ihr erneuetes Unglück siebenfach verhüllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war ihr nichts mehr werth.
Wenn die geneigten Leser der Meinung wären, Güte und Liebe in dem Charakter der Gräfinn Frankenstern würde nicht zugelassen haben, daß sie in grausamer Selbstsucht das Glück ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer Rettung gemacht hätte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn wir bemerken, wie grade die zärtlichsten, die weichsten Mütter es sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lösen – welche oftmals das Schwerste über ihre Kinder verhängen. Hier war es ein Schleier, und den zu tragen hielt die Gräfinn für leicht. Sie hielt ferner, im Gefühl ihrer Ehe, keine für ganz glücklich, und verwechselte ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die vollendender wäre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, daß Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein höheres Glück erreichen sollen: so war der Gräfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter würde werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen, ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse – klein, im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die mütterliche Ahnung, welche die Gräfinn fürchten ließ, ihre Tochter in den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen. –
Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Gräfinn berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und Schwierigkeiten, daß er sie erfülle: denn der Graf mußte umgangen werden. – Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Gräfinn war in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wußte.
»Verzeihen Sie, Romana, daß ich Sie bemühte!« redete sie ihn mit jenem rührenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto stärker ans Herz dringt, »ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie könnten mir einen großen Gefallen erzeigen.«
»Herr mein Gott!« antwortete der Forstmeister, und das Mitleid mäßigte diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, »gebieten Sie doch über mich!«
»Es wäre mir viel daran gelegen,« sprach hierauf die Gräfinn, »wenn Sie morgen – oder übermorgen,« der kranke Blick ihres matten Auges verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer füllte den Moment, »meinen Mann auf einen halben Tag – besser wäre freilich ein ganzer – zu entfernen wüßten.«
»Das wird schwer halten,« erwog Romana, »hält doch Frankenstern kaum mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich indeß darauf, es geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer kleinen Reise zu bereden.«