»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht – der Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«
»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem Leben gelastet hätte. – Graf Frankenstern aber und der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen. –«
»Die werden sich hüten –« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte – ich meine den Grafen – hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«
Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! – Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.
Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig zu machen.
Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben einen Schatz – aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten schaurig von den stillen Wänden wieder.
Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! –«
Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer – des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem Wehlaut. – Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane – so viel gelitten und nur Gott bewußt –: daß ein völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher Seite erlösend für sie wäre. – Auch waren Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange vorenthalten werde? – Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. – Sonach sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu entziehen.
Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht – und erröthend vor Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.
Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen finstern Geist zu dringen.