Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.

Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt – die Güter des Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich selbst stehen. –

Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen – Glaube der Liebe! –

Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt – nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, ob auch nur einen Augenblick lang – willig in die Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. – Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.

»Dies also war die Liebe –« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? – O Gott! so lieben Menschen, – Männer! O meine Mutter!«

Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. – Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.

Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel – aber mit ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik – allein nur in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. –

Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil nur Geister zu Gast waren – und machte ihm allen Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere des Zimmers – nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.

Vorzugsweise beschäftigte den Grafen eine welthistorische Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen – und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen trüge.

»Heut kommt Josephine – sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband um, meine Tochter.«