Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glück! – Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand – dann erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln, womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes, eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie Frühlingslaut an seine Seele rührte – und das Blut seiner Nation, das stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben daher – sprüchwörtlich gesagt – Alles spanisch vor, und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und, ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den kleinen Ritter –« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, – »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«

Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.

Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein, auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.

Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie, hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es dem Gelübde der Armuth untreu.

Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch – wenn wir so sagen dürften – schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte; doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt, während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd hinblinzelt – ist mir nicht viel anders, als ob ich ein Richtschwert schwingen sähe. –« Ein jäher Krampf flog über seine Züge, die Gräfinn erbleichte – und es war nie mehr die Rede davon.

Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie ausgießen. – Aber es gab einen Aufruhr – und wenig fehlte, so hätten sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.

Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen Spitze.

»Das wollen wir erleben, Der wird noch überschnappen –« sagte der Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu werden.

Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey – entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm sagte, Alles wäre vorüber.

Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es ihr entrissen – die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! – Und kaum habe ich das Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. –«