»Das Kind war weise –« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.

»Weiß? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an eine blaurothe Farbe.«

»Es war weise, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«

Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.

Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des Todes.

Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand. Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu durchdringen vermag: die Liebe – das tiefste Verständniß! –

Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam – was freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse; und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit aus.

Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz, so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte, liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! –« Und mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem Grafen eine überspannte Saite – und schaudernd wendete er sich ab.

»Und innen auch –« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch ein wenig mehr als Staub. –« Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lächelnden Blicke.

Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in Gewahrsam zu behalten.