Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frühen Tod zu beweinen.

Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin, und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so dürfe sie schon ohne Furcht seyn. –

Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. – Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls, daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.

Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich beengt und einen Andrang nach dem Herzen – traurige Gedanken schwebten ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres Gemahls auszuhalten –: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«

»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich wird –« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. – Es kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er sprach nur, was er mußte. – Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite, und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an denen noch die letzte Blüthe hing – oder tauchte unter in ein Meer von Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah, und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns.

In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.

Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte, die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und fünftausend lebendige,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder nolens volens an das Licht bringt.«

Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. –

»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem Glück.«

Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen. – Sie sah ihn an mit einem Blick – einem Blick! – wenn, nach einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.