In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge, die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!« sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte.
»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.
Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.
»Sieh hier meinen Sohn!« sagte der ältere Sylvius, und streckte seine Hand nach dem jüngeren aus: »mein einzig Gut – Du bist wohl reicher, Frankenstern?«
»Ich habe gar keine Kinder –« antwortete der Graf schmerzlich.
»Aber verheirathet bist Du doch?« fragte der Freund, und es gereute ihn, voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte bloß. Wie wenig diese Antwort auch besagte: Romana würde, sie geben zu können, sich für einen Crösus an Glückseligkeit gehalten haben.
Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die groß und schön, und sein größtes Glück geworden war. Er hatte mit ihr in Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jüngsten und besten Kindes war ein Opfer gewesen, welches der edelmüthige Kaufmann seinen Familien-Verhältnissen gebracht. Seine älteren Töchter haßten den Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende – es wäre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.
»Mein Vater sehnt sich nach mir –« sagte Blanka mit thränenden Augen zu ihrem Gemahl: »ich höre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen. Jüngst träumte mir, sein Reichthum wäre zu Wasser geworden, wir schifften still darauf hin – und hatten uns verirrt: denn es war das todte Meer.«
Als Sylvius nun sah, daß seine Frau gemüthskrank vor Heimweh werden könnte, machte er die Rückreise möglich. Die Fahrt war aber nicht glücklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrückt; aber man hörte es doch, und auch wes Geistes Kind seine Töchter wären. – Die Folgen der Seereise, erschütternde Gefühle wirkten schädlich auf Blankas zarte Gesundheit, und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.
Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verließ dies Haus für immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In tiefen Höhlen, von finstern Braunen überbuscht, lagen seine Augen, sein Blick war verstört, und verrieth eine zerrüttete Seele. Und jenes ihm eigenthümliche Lächeln um den geklemmten Mund, war nicht mehr todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so daß auch dieser weltversöhnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.