Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verändert. Er war sehr braun geworden, sonst würde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zügen – aber sie ruhten. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut, der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besänftiget, und etwas langsam und leise. –

Doch, empfände wohl der Mensch eine äußere Veränderung, ob er sie auch sähe, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? – Der Begriff der Zeit verschwindet, wo wir fühlen, daß die Freundschaft ewig ist. – Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thränen und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter, was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schloß sich für Diesen jede Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr. Entzückt führte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine Wohnung, sein Glück mit seiner Frau zu theilen.

Die Gräfinn brannte unterdessen vor Begierde, die große Nachricht, die sie wußte, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er ließ lange auf sich warten, endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren als eine Störung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, daß Jemand ein Recht zu kommen hat: er muß auch zur rechten Zeit kommen, und kein Mensch – nur ein Gott kann diese wissen.

Hier, im Beiseyn seiner Frau, schüttete der Graf das verschlossene Herz aus, dessen eiserne Bänder die Freude sprengte. »Du bleibst nun bei mir, Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen –« sagte er gebietend, und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nähe bedürfe, mischte sich etwas von dem Bewußtseyn, wie viel er äußerlich zu gewähren vermöge. »Dein Sohn –« so fuhr der Graf fort, »soll wie der meine gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben.« Die Gräfinn hustete leise, und wurde blaß vor Schrecken. Sie wäre keine Frau gewesen, wenn diese Aeußerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden Freund, sie nicht beleidiget hätte; dazu diese gesprächige Wärme, als ob Geist des Lebens über ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit, eine ähnliche Macht auf ihn geübt, und ganz nach Art weiblicher Eifersucht, nahm sie dies Dem übel, der diese erheiternde Wirkung hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen – was immer anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe kränkte in der Aeußerung des Grafen ihr neugebornes Kind – und ein leiser Widerwille gegen diese Fremden schlich wie eine Schlange über ihr Herz. –

Als die Gräfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber – nicht im richtigen Verhältniß zu ihrer mütterlichen Erwartung. Vielleicht fürchtete der Graf, das Kind werde wieder sterben – oder er schlug als ein seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben überhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mäßig.

Die Gräfinn trug ihr Glück wie eine Buße, mit schwerem, verschwiegenem Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich täglich mehr verhärtete.

Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden – hatte der Graf flüchtig hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Gräfinn: »ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier: so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Gründe.«

Der Graf sah seine Frau bestürzt an, nie hatte sie durch Laune oder Eigensinn seine Handlungsweise bedingt – er schwieg, aber er wagte nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.

Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle, mit edler Selbständigkeit fest. Er sagte: »gieb mir ein Plätzchen, Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gütern wie Dir selbst zu nützen: so hast Du mich.«

Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend, wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und daß keine Frau, auch die beste nicht! durchaus verträglich wäre.