Ganz in der Nähe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte es diesen ehrwürdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in ungewöhnlicher Höhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Höfchen stand. Ein klares Brünnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete Gitterthüre schien diesen lautern Quell zu verschließen. Es waren Spuren da, die es wahrscheinlich machten, daß der Bezirk dieser Stelle einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war himmlisch. »Laß mich hier zu Jesu Füßen wohnen!« sagte Romana, indem er mit glänzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, »doch Dir zuvor und gewiß am rechten Ort – ein Bekenntniß ablegen, nach welchem es sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schütteln und weiter ziehen muß.«
Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm, daß Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren vielleicht Ritter vom goldenen Vließ gewesen, seinem Glauben entsagt habe, und der eifrige Anhänger einer frommen Gemeinde geworden sey, die das Lamm verehrt, was der Welt Sünde trägt. So wie Menschen von schwärmerischer Anlage der äußersten und entgegengesetzten Richtungen ihres Wesens fähig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religiösen Ideenwelt erfahren. Eine große Gefahr, aus der er auf beinahe übernatürliche Weise gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wundergläubigkeit wechselte nur ihre Form in seinem Gemüthe. Das Gefühl seiner Abkunft und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das Evangelium gepredigt. –
Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile. Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfänglich, um die neue Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klöstern, päbstlichen Kirchen und Heiligenbildern, lebte friedsam und einmüthig ein Häufchen der Stillen im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben, deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schätzte. Und so sagte er: »was ich höre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber es ändert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art Religion – und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife, wie es möglich war, daß Du – ein Abtrünniger werden konntest. Ich halte Dich für einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. – So eben dachte ich, wie seltsam es sey, daß der Wind des Schicksals Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.«
Von der festen Zuversicht des Freundes gerührt, antwortete Romana: »weht! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den Blüthenstaub im Frühling, auch über Mauern, zu der verwandten Blume trägt.«
Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert arbeitsame Hände förderten den Bau. Es fand sich, daß ein gewölbter, völlig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse führe, wovon die eiserne Gitterthüre am Brunnen der Ausgang wäre. Dieser Fund war für den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekümmert, seine Frau wüßte bereits, was er ihr verhehlen mögen, und am liebsten für immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. »Sieh!« sagte er sehr glücklich, und sich ins Geheim bewußt, sein Umgang mit dem Freunde stände unter unsichtbarem Schutze, »so können wir ungehindert und selbst zur Nachtzeit zu einander kommen. –« Aber der Saamen des Geheimnisses trägt selten Früchte für das Licht.
Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als Schutzwache davor, und leise rieselte das Wässerchen unter der marmornen Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die Förster und Holzschläger, die den Forstmeister zu sprechen kamen, Einlaß suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den mäuschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde ihnen einmal eher aufgethan werden.
Wie selig Graf Frankenstern sich die Nähe seines Freundes geträumt: so empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte. Er sah ein, daß die Gefühle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener innigen und beglückenden Freundschaft gewesen wären. Wirklich hatte Romana sich sehr geändert, und war ein wenig kopfhängerisch geworden; der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft hätte. Romanas Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der Fülle seines Herzens anfänglich nur für eine Linie hielt –; aber es war ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht zuließ. Sie vermieden sorgsam jedes Gespräch, das nur von fern diesen Punkt berührte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur eine Stelle weiß, welche geschont werden muß! –
Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhältnisse, durch das Gefühl, verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genährt worden. Auch der Unglückseligste hat noch einen Freund: den Tod! Graf Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die öde Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wünschte, stellte ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen, der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, ließ ihn von der breiten Straße abbeugen, auf der gewöhnliche Menschen das Glück suchen. Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn und seine düstern Farben und Symbole in den Bedarf des häuslichen Lebens aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und weiß, zu seinen Häupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf so leise war, daß auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er würde lächelnd seinen Morgentrunk aus einem Schädel genommen haben, er sprach freudig von seiner Auflösung, und diese Kraft stellte ihn hoch über seinen Freund.
Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablässig beschäftiget. Das Bewußtseyn, durch seine eigensten Kräfte zu nützen, hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte, täuschte ihn über die Unterlassungs-Sünde, die Mittel dazu aus sich selbst zu schöpfen.
Romana besaß schöne Kenntnisse, und übte sie mit Fleiß. Er war thätig von früh bis spät, und der Kernspruch seines großen Landsmanns, daß Arbeit des Blutes Balsam sey – bewährte sich an ihm: er war sehr gesund. Er trieb viel Mathematik, und flößte seinem Sohne Lust und Eifer für diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewöhnte, seinen Verstand anzustrengen, unterdrückte er das frühzeitige Aufstreben von Gefühlen, denen die Einsamkeit Nahrung giebt.