»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und spielten Whist oder Schach –« setzte sie mit fallender Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem leisen, ernsten Seufzer.

»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde – nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, als ob sie am Gewissen gezupft würde.

»Nicht immer –,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im Verlust.« – War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz bewegte? – Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem meinigen höre, – so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?–«

So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« –

»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten machte.

»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las –« sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr gleichgültig war.

»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster seiner Vorstellungen.

Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. – Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind – ist ihr Verhältniß in der Ordnung – Sich die Einzigen, die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! –

Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«

»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun –« antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der letzte Abendschein vergoldete.