»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene berühmten Worte.
Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die menschliche Unvollkommenheit.
Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen Stuhl. – Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte – aber der Kranke schüttelte sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.
Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er seufzte nur. –
Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. –
Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt – als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.
Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt –« rief der Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken. Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. –
»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge –« war der Ausspruch, wobei Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden –« setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh – von sich gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er – mit der Scheere der Parze – den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu tragen.
Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend – daß ein bedeutenderer Mann hier stürbe.
»Verlassen Sie mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf – ihr versprach, die Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein –« sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«