»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und logirt daneben –« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.

»Mein Kopf ist wüst –« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.

Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin – ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur Binde – eine finstre Haube könnte ich nicht tragen, ich stürbe – Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh – eine seidne Aurora – von dem zierlichen Fuß, und setzte mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. – Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«

Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.

»Du warst lange, Füßli –« empfing ihn seine Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«

»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die Kaufleute nichts – es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«

»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu versuchen.

»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher – ich meine, das müsse er gewesen seyn – stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast Du den Schuh her? – Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte, der – –«

»Ich weiß, ich weiß –« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. – Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen – er meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der Herr aus?« fragte sie.

»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe –« antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«