Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren Benehmens vorhielt. –
Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung gekommen ist? – Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, – sieh Dörtchen! o verzeihen Sie – den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.
»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.
»Die Zeit –« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da mein guter Mann starb – er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt – da meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch Alles, auch das, was uns beugt. – Werden Sie, wenn man fragen darf – Sich lange hier aufhalten?«
»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«
Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«
Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch – trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es erregt, in ihrem Busen auf. –
Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt – langsam und schwerfällig abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen? –« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.
»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns beugt.«
Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt würde.