Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann – gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht dazu gegeben.
»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man ihren Todten gebettet hat? – Was mich betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen müßte.«
Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden würde? – Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.
Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«
»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt –, »oder ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand – und war ich es eigentlich nicht immer? –« In dieser Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. – Im Hause, was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.
Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres Schuhes.
Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann – und ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe tröste? –«
»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«
Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen. – Aber – die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände – – Therese! mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«
Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht ab. »Unvermuthet?« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt bin, da erscheinen Sie! – Habe ich doch schon ihre Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem Schooße, »was habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde es nie – nie! vergessen.«